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(Erstveröffentlichung auf freemuse.de, 15.7.2009)
Police brutality against the Kurdish-Turkish singer Ferhat Tunç lead to a court case — not against the police, but against the singer .
By Anja Hotopp, reporting from Berlin
Prison threat 4-12 years. Under this headline news agencies in Turkey report of a new scandal in the Turkish justice sector. A new case against the Kurdish musician Ferhat Tunç and his friend from Germany, İsmail Özen, has been opened, whereas the case according to several media sources and the singer should have opened against the police for brutality.
Tunç is one of the best selling protest musicians of his country. But popularity does not protect him against police harassment on the Bosporus. So far, six court cases are pending against Tunç, now followed by the seventh. There seems to be no end to the repression and harassment that the singer faces in his home country. Last year alone, he was arrested twice.
Interrogated and beaten
The most recent case stems from 24 December 2008 when Ferhat Tunç was arrested while he was having lunch at a restaurant in Istanbul because a friend of his, İsmail Özen, who joined him for the lunch, could not present his identity papers to police as they were searching the restaurant.
The papers were in a car, parked only a few minutes walk away from the restaurant. Rather than accompanying İsmail Özen and Ferhat Tunç — who are both German citizens — to the car, approximately 30 civil police officers arrested them and brought them to a nearby police station.
Ferhat Tunç and his companion were taken to the police station handcuffed for a ‘health review’. According to Ferhat Tunç, he and his friend had to spend the night in the police custody, where they, according to Tunç, were abused and beaten during the interrogations. The next day both were released.
During the night at the police station Ferhat Tunç heard the loud screams of his friend. They could be heard from the top floor of the police building to the basement. He asked the police indignantly: “Are we in the mountains here? So why are you beating that young man?” [The statement about the mountains refers to the brutality of Turkish military in Kurdish mountain region — something which is generally censored in the Turkish public sphere].
Filed a complaint
Ferhat Tunç has already long been in the spotlight of the Turkish security agencies. In March 2008, he was the target of a violent ‘pick-up’ by armored security forces at 06:00 in the morning. Six police officers from Istanbul entered the house where he lives with his wife and daughter.
Under the indictment of having ‘insulted’ and ‘resisted the police’ the most recent court case was opened against Ferhat Tunç in Istanbul on 9 June 2009. The persecutor demanded between four and 12 years imprisonment for his ‘harassment against the police’.
Although Ferhat Tunç filed a complaint against four officers involved in the socalled ‘ID check’ at the restaurant last December, no procedure has been opened. Ferhat Tunç charged the police for violence, because of the kicks and blows he and his friend received.
In the court Ferhat Tunç and his friend raised the question why they and not the policemen were the accused. In order to prove their innocence, they requested the court to review the security camera videos of a school, which happened to be on Istanbul’s Istiklal Caddesi pedestrian street. The cameras would reveal police brutality during the arrest, they said.
“A civilian not able to present an ID-card should never be treated in this way by the police. No one should be treated in such a way, no matter what,” said Ferhat Tunç to the press.
The policemen involved in the incident, Kazim Urun, Muhammet Fatih Karaburç, Necati ve Hüseyin and Yıldız Samli participated in the opening proceedings.
New album
Ferhat Tunç who frequently tours Germany will perform at the forthcoming celebration of ‘20 years of twinning Istanbul-Berlin’ and the Festival ‘Music & Politics’.
“I have now been working more than two years on my next album — but because of the court proceedings, accusations, threats and censorship, I was only able to finish it recently. These proceedings hinder me in my work as an artist — physically and mentally,” explained Ferhat Tunç.
But he he says he will not give up. Ferhat Tunç wants to remain strong and active for a social change in Turkey. Erstveröffentlichung
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| Emin Milli bei Cem Özdemir. Werbetour für die Unter-stützung der Opposition in Aserbaidschan (Foto: Anja Hotopp) |
eit drei Jahren hat Emin Milli seine sicheren Jobs bei der OSZE und der Friedrich-Ebert-Stiftung gegen das Leben eines Nomaden eingetauscht. Er ist Agitator auf Dauer-Tournee für ein demokratischeres Aserbaidschan. In Amerika, in Westeuropa und daheim in Aserbaidschan. Emin Milli befürchtet eine Turkmenistanisierung Aserbaidschans, bezugnehmend auf die benachbarte Öl-Diktatur am anderen Ufer des Kaspischen Meeres. Bei einem Treffen mit Cem Özdemir in der Bundeszentrale der Grünen Partei in Berlin vergleicht er die aktuelle Lage mit der in Weißrussland. „Aber“, so fügt er hinzu, „als Belarusse wäre ich beleidigt! Denn mit welchem Recht ist Aserbaidschan Mitglied im Europa-Rat und Belarus wird boykottiert?“
„Wir sind zu schwach, um der Regierung gefährlich werden zu können“
Der 29-jährige war der Initiator eines Stipendienprogramms der aserbaidschanischen Regierung, das 5000 jungen Aserbaidschanern das Studium in Westeuropa oder Übersee ermöglicht. Mit dem Ziel, diese jungen Menschen mit frischen Ideen und Wissen in Administration und Bürokratie einzusetzen, Aserbaidschan auf diese Weise von innen zu modernisieren. Doch wurde dies vom Präsidenten, Ilham Aliyev, selbst vereitelt. Dieser sagte auf einer Rede im vergangenen Jahr, die Stipendiaten könnten ruhig im Ausland bleiben oder sich sonst wo eine Anstellung suchen. Daraus spräche nur eines, so Milli, die Angst des Führungszirkels um Aliyev durch innere Konkurrenz gefährdet zu sein. „ Wir sind zu schwach um der Regierung gefährlich werden zu können. Die größte Gefahr für die herrschenden Klans sind sie selbst. Deshalb soll niemand in diesen Zirkel gelassen werden“.
Keineswegs war Emin Milli jemand, der sich nur beklagen wollte und in strikter Opposition zur Führung seines Landes stand. Doch das Verbot von in seiner Heimat beliebten Sendern wie Radio Free Europe, BBC und Voice of America und die Unterdrückung jeglicher Presse- und Versammlungsfreiheit sowie das Ziel des amtierenden Präsidenten per Referendum durchzusetzen, sich beliebig oft wieder wählen zu lassen, hätten das Fass zum Überlaufen gebracht. Nun sei es Zeit für deutliche Worte. Ilham Aliyev entwickle deutlichere diktatorische Züge als sein Vater Haydar Aliyev, von dem er sein Präsidentenamt geerbt hat – ein „nordkoreanischer“ Wahlgang machte es möglich. Unter Vater Aliyev waren Demonstrationen möglich, wenn sie auch teils blutig niedergeknüppelt wurden. Unter Ilham Aliyev würden nicht einmal drei Leute zusammen kommen können, ohne daß der Geheimdienst sie schon am Bus verhafte, beschreibt Milli die derzeitige Situation. Deshalb startete auch das Netzwerk AN (aserbaidschanisch der Augenblick), zu deren Mitbegründern Emin Milli zählt, ihre erste Demonstration gegenüber dem UN-Gebäude in New York und nicht im heimischen Baku.
Demonstrationen im heimischen Baku sind nicht möglich
Auf die Frage von Cem Özedmir, warum man denn in den USA mit öffentlichen Aktionen begonnen hätte und nicht in der aserbaidschanischen Hauptstadt, sagte Milli deutlich: „Ich verspreche, sobald friedliche Demonstrationen in Aserbaidschan erlaubt sind, wenn die Polizei die Protestierenden schützen wird und Pressefreiheit zumindest in Ansätzen da ist, werden wir uns vor Ort engagieren, doch zur Zeit ist dies völlig unmöglich.“
Özdemir: ” … wir stehen zu Euch als Freunde Aserbaidschans und Eurer Demokratie-Bewegung.”
(Foto: Anja Hotopp)
Anja Viohl von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ bestätigt dies: „Zur Zeit sind vier unabhängige Journalisten wegen ihrer Berichterstattung in Haft. Die Medien geraten immer mehr unter staatliche Kontrolle.“ Auch das internationale Radiostationen nicht mehr senden könnten, sei völlig inakzeptabel, so Viohl.
Weil die Lage in Aserbaidschan sich verschlechtert und für öffentliche Meinungsäußerungen keine Möglichkeiten mehr vorhanden sind, müssen neue Wege beschritten werden, meint Emin Milli. Das AN-Netzwerk gründete jüngst einen Internet-Fernsehsender. Viele Informationen verteilen sich über Blogs und Chatforen, es werden traditionell gut besuchte Begräbnisse und Hochzeiten für die Verkündung von Statements genutzt. So erfahren die Menschen im Lande von den Diskussionsforen in Paris, Washington und Brüssel, die Milli und seine Mitstreiter schon organisiert haben. Cem Özdemir, der den jungen Wissenschaftleri schon vor drei Jahren bei einem AN-Forum im Europaparlament kennenlernte, meinte anerkennend, eigentlich hätte er Milli gern in seinem Wahlkampfteam gehabt, so sehr sei er beeindruckt vom Organisationstalent des Aserbaidschaners. Doch würde Emin Milli für die Heimat dringender gebraucht als im deutschen Wahlkampf, schmunzelt Özdemir.
Provokation zum Tag der politischen Gefangenen
In Aserbaidschan möchte sich Präsident Aliyev am 18. März – ironischerweise der internationale Tag der politischen Gefangenen – per Verfassungsreferendum zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen lassen. Und dies wie zum Hohn für alle Demokraten, denn an diesem Tag vor 90 Jahren gründete sich mit der Republik Aserbaidschan die erste Demokratie in einem islamischen Land, wenn sie auch nach nur zwei Jahren von den Bolschewiki wieder zerstört wurde. Auf ihre erste Republik seien alle Aserbaidschaner stolz, betont Milli.
Kritische Stimmen im Land sind heute schwach. Deshalb gründeten Intellektuelle und Aktivisten des Netzwerks AN am 23. Januar im westaserbaidschanischen Gändschä die Plattform „ReAl“ – die Republikanische Alternative. Denn es sei Zeit Partei zu ergreifen, meint Milli: „Entweder es geht weiter so und endet in einer Monarchie oder man macht sich stark für die demokratische Republik.“ Zusammen mit Aserbaidschanern aus Wissenschaft, Kultur und in der Diaspora wolle man für Öffentlichkeit und Gegendruck sorgen. Özdemir sagte zu, sich bei der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft für das Thema Pressefreiheit und Demokratie in Aserbaidschan einzusetzen. Schließlich seien die Grünen in Tschechien mit an der Regierung und Außenminister Karel Schwarzenberg ebenfalls ein Grüner. Auf der Parlamentarischen Versammlung des Europarates vom 20. bis 26. Februar in Straßburg müsse Aserbaidschan deutlich zu verstehen gegeben werden, dass solche antidemokratische Politik sie von Europa entferne.
Wichtige Impulse von unabhängigen Netzwerken
Im Kaukasus selbst können Netzwerke von Nichtregierungsorganisationen wichtige Impulse geben, sich nicht mit den Entwicklungen abzufinden. Als ehemaliger Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baku weiß Milli wovon er spricht. Um Demokratie-Projekte zu besprechen traf er sich auch mit Dr. Iris Kempe, der Leiterin des Kaukasus-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung. Kempe betonte, die Lage im Kaukasus insgesamt verschlechtere sich rasant. Russische Waffenlieferungen für über 800 Millionen Euro an Armenien, Stagnation in Georgien, Repression in Aserbaidschan und die ständige Bedrohung aus dem Norden seien keine guten Wegweiser in eine demokratische Zukunft des Kaukasus. Deshalb brauche es neutrale demokratische Kräfte zur Stärkung der Region, so Kempe.
„Wir brauchen diese Unterstützung und sind dankbar dafür“, betont Milli, auch wenn wir zu Hause als Landesverräter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt werden. „Doch wir sind die Patrioten, die sich um unser Land sorgen, die Egoisten sitzen in Baku an der Regierung, auch wenn die Propagandamaschine es anders darstellt.“
Sich selbst und ihre Einflussmöglichkeiten überschätzen die Netzwerker von AN nicht, sie wissen, dass es lange dauern kann, bis sich in Aserbaidschan etwas ändert. Milli: „Wir haben nicht die Kraft diese Regierung zu stürzen. Aber wir wollen zeigen, dass nicht alle Aserbaidschaner akzeptieren, wo wir jetzt stehen.“ Die jungen Aktiven seines Netzwerkes setzen ein Signal für die Menschen in Aserbaidschan. Und so ist sich der Polit-Nomade Milli sicher: „Wenn sich das System selbst überlebt hat, sind wir die Alternative.“
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André Greiner Pol ist tot (Artikel-PDF-hier)
Von Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke
Der Sänger und Gründer der legendären Band FREYGANG starb am 15. Dezember in Berlin.

„Hier riechts nach Stall. Hier wirkt vieles noch natürlich.“ So André Greiner-Pol nach einem Konzert in Wannefeld 1993. Die Altmark sei seine „zweite Heimat“ so der Bluesrocker vom Prenzlauer Berg. Da lagen schon einige Jahre regen Altmärker Konzertlebens hinter seiner Band Freygang. Von Zienau, Sachau und Tangerhütte im Süden über Bismark, Packebusch, Kalbe und Osterburg bis nach Beetzendorf, Salzwedel, Mechau und Arendsee im Norden der Altmark – auf Open Airs, in Klubs und auf Privatfeiern lernte die Band um André Greiner-Pol (AGP) die Altmark kennen und lieben. Die Fans dankten es mit ehrlicher Hingabe und fester Treue – über Jahrzehnte. So pilgern seit Jahren schon Familien in zwei Generationen zu Konzerten.
Freiheit passt in keine Schublade
Angefangen hatte es 1977 in Berlin. Nach vergeblichen Versuchen sich in andere Bands einzuklinken, gründet Greiner-Pol schließlich seine eigene Combo: Freygang. Es folgten verschiedene Besetzungen und Auftritte mit Blues, Rock und Jazz in Gasthöfen und Jugendclubs. Zu DDR-Zeiten wechselten sich dann enorm erfolgreiche Konzerte und Auftrittsverbote ab. Höhepunkt war wohl das legendäre Open Air in Ketzin vor über 7000 Fans 1983.
Bands aus der Altmark wie „Nachdurscht“, „Bordstein“, „Die Abgeordneten“, Gemeinschaft“ oder „Aktion Steinreich“ sahen auf zum Freibeuter aus Berlin und spielten gern und oft mit Freygang zusammen. Und auch Menschen, die es nicht so oft auf Live-Konzerte der schafften, ließen sich leiten von der Freiheit Freygangs, die man sich nehmen muss. Roland Bosse, Vater von Freygang-Gitarrist Brian und selbst Gitarrist bei den Altmärkern „Old&Grey“ meint dazu: „Ich habe André und Gerry zum ersten Mal bei Pasch im Exlibris in Magdeburg im Januar 1988 erlebt. Dieses rotzige, trotzige und unangepasste Auftreten, seine Ausstrahlung waren immer das, was mich fasziniert hat, wahrscheinlich habe ich ihn auch damals schon bewundert und auch ein wenig beneidet für seine kompromisslose Haltung ohne Rücksicht auf die persönlichen Folgen. Dieser André Greiner Pol stach zu Zonenzeiten und auch danach unter Rockmusikern immer heraus. Wenn sich einer hat nie verbiegen und verführen lassen, dann ist er es“.
Familienmensch Greiner-Pol
War Greiner-Pol Identifikationsfigur für die große Fangemeinde, so war Freygang auch im kleineren Rahmen für die große `Familie` da: Ob zur Verlobung von Frauke und Ameise 1992 in Calvörde, zu diversen Geburtstagen von Freunden in Schinne und Schernikau oder zur Hochzeit von Mieste und Anja Hotopp 2005 in Packebusch, Freygang kam mit Käptn AGP.
In seinem kleinsten Kreis hinterlässt André Greiner-Pol seine Freundin und Freygang-Managerin Delia Müller und Tochter Cayen.
In der Zeit vor der Wende führte die enge Bindung zu den Fans mitunter zu Vorfällen, bei der die Stasi ins Spiel kam. So 1988 als Torsten Grass (Oebisfelde), Tino `Papa` Heinrichs und Steffen ´Mieste` Riecke(beide aus Mieste) ihren Geburtstag gemeinsam mit ´ihrer´ Band Freygang feiern wollten. Nachdem Versuche die Party offiziell in Letzlingen, Osterburg, Stendal oder Mieste anzumelden, scheiterten, Getränke, Essen und Technik aber bereits bestellt waren, feierte man im Pfarrgarten der Evangelischen Kirche. Doch längst nicht alle Gäste erreichten ihr Ziel. In Schwerin, Stendal und Leipzig wurde nach Personenkontrollen Party-Verdächtige mit Reiseziel Mieste von der Transportpolizei festgenommen und zur Umkehr gezwungen. Betriebskampfgruppen aus Letzlingen lagen an der Bahnstrecke zwischen Solpke und Mieste, Hubschrauber der Grenztruppen kreisten über dem hermetisch durch Polizei abgeriegelten Dorf in der Sommerhitze. Wer doch sein Ziel erreichte, dem wurde der Ausweis abgenommen. Dies alles nur weil unangepasste Leute sich zu Bier und Musik treffen wollten. Begründung der drastischen Maßnahmen: Es würde ein geplanter gemeinsamer Grenzübertritt – Republiksflucht – erwartet. Letzte Zuckungen einer paranoiden Staatsmacht.
Die große Freygang-Familie feierte nicht von ungefähr ihren 30. Geburtstag in der Altmark. Im letzten Jahr organisierten die treuesten Fans das Jubiläumskonzert in Packebusch, Schwein am Spieß inklusive.
Politaktivist und Kapitän
Ein politischer Unruhestifter und widerständiger Kapitän einer unangepassten Band blieb Greiner-Pol auch während und nach der Wende. Und immer dort wo es besonders heikel war, wo Rockerdaumen in gesellschaftliche Wunden gehörten.
Das Freygang-Logo mit der herausgebrochenen Ecke (l.) diente für Freygang-Fans 1989 als Vorbild für selbst gefertigte Neue-Forum-Logos. Rechts ein selbst gemachter Fotoleinen-Aufnäher der Band (Made by Ferfi) in der Besetzung vor dem zweiten Verbot, das im Jahr 1986 ausgesprochen wurde.
Schon in der DDR galten die Blueser, Tramps und Kunden neben den späteren Punks als der westlichen Dekadenz zugewandte `feindlich negative Kräfte`. Dabei waren die Blueser alles andere als politisch, eher offensiv apolitisch. Man interessierte sich für die nächsten Gigs, für Bier, Schnaps und Sex. Doch entsprach dies nicht dem Idealbild der offiziellen DDR-Jugendpolitik. Was für die Blues-Szene galt, galt auch für die Musiker. Greiner-Pol sagte dazu: „Wir sind erst von anderen und den Behörden darauf hingewiesen worden, dass wir eine politische Band sind“. Trotzdem engagierten sich Greiner-Pol als auch etliche Fans zur Wendezeit in diversen Bürgerinitiativen. Mit Musikern von Ichfunktion, der Firma und Noah gab es Straßenblockaden und AGP stellte sich für die Wydoks zur Wahl in Berlin. Die Wydok-Liste wollte durch Eigeninitiative kulturelle Freiräume und das Wir-Gefühl aus der anarchischen Wendezeit in die steifere Gesamtdeutschheit retten. Durch die Aktionen aus dieser Zeit ist Greiner-Pol auch im Deutschen Historischen Museum Berlin in der Ausstellung „Parteidiktatur und Alltag in der DDR“ verewigt, nicht zu seiner Freude.
Stilistisch blieb Greiner-Pol immer eigen, schon zu Beginn war Freygang keine Bluesband wie andere. Freygang hat immer schon Elemente von Rock und Punk, vom Balkan bis Irland aufgenommen und verarbeitet. Bei vielen Umbesetzungen in den turbulenten 90er Jahren blieb Käpitän Greiner-Pol auf der Brücke Navigator durch alle musikalischen Wasser. Seit 1997 spielte seine Band – verstärkt durch frisches Blut – nun in konstanter Besetzung. Der Altmärker Gitarrist Brian Bosse und der sächsische Trommler Maik Smolle erschienen an Deck von Freygang. Diese treibende Geradlinigkeit bei personeller Kontinuität verschaffte der Band immer neue Höhepunkte: Legendär die Rock-Kreuzfahrten zwischen Polen und Dänemark, Konzerte in Schottland und Polen, Kinofilme und DVDs folgten. Im Oktober lief der Krimi „Bluesgewehr“ aus der Reihe „Der Ermittler“ mit dem Freygang-Song „Der Blues muss bewaffnet sein“.
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Abschied und Wiedersehen
Ob des unerwarteten Todes konnte das vorweihnachtliche Konzert in Tanna bei Zeitz am vierten Adventswochenende nicht mehr abgesagt werden, eine musikalische wie moralische Herausforderung für die Besatzung des Piratenschiffes Freygang: Egon Kenner (Gitarre), Tatjana Besson (Bass/Flöte), Maik Smolle (Drums) und Brian Bosse aus Mieste (Gitarre). Doch Brian ist nicht der einzige Altmärker der den Weg vom Fan bis zum Bandmitglied zurücklegte. Fester Bestandteil der Performance ist auch Ralf-Uwe `Ameise` Faatz. Meist spät am Abend entert der gebürtige Oebisfelder die Bühne und rockt auf seine eigene Art unter Einsatz seiner Mundharmonika. Auch Bandbus-Fahrer und Fan-Artikel-Verkäufer Torsten Grass nahm den Weg vom Oebisfelder Freygang-Fan nach Berlin zur Freygang-Familie. Ein sehr emotionales und professionelles Konzert bekamen die aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen geströmten Fans da im „Kuhstall Tanna“ geboten. Trauernde und feiernde Herzen vereint im Tanz. Auch Tangerhütter, Stendaler und Wolmirstedter waren vertreten.
Die Beisetzung von André Greiner-Pol fand auf dem Berliner Parochial-Friedhof statt. Organisiert von Delia, seiner Lebensgefährtin, und der Band, durften auch die Freunde des Kapitäns die letzte Ehre erweisen. Gekommen waren fast 500 Menschen aus ganz Deutschland. Die Familie, Fans aus allen Bundesländern, ehemalige Weggefährten und Bandkollegen. Neben Rockern aus Brunau-Packebusch standen Musiker von Rammstein, Kirsche & Co. und In Extremo, neben Miester, Oebisfelder und Stendaler Fans die Bandkollegen von Freygang, Ichfunktion und der Firma. So hatte dieser Abschied auch etwas von Wiedersehen.
Um der Trauer ein Podium zu geben, hat die Band ein Gästebuch auf ihrer Homepage eingerichtet. Hunderte Freunde und Fans melden sich dort zu Wort. Ein Motiv kehrt dort immer wieder – angelehnt an den Titel einer Freygang-CD „Die Kinder spielen weiter“ – die Band möge die Kraft finden weiter zu machen. Ob und wie dies aussehen könnte, kann die kleiner gewordene Familie nur selbst entscheiden. Im Internetauftritt der Band heißt es: „André ist zu finden, in unserem Herzen, in unserer Trommel, in unseren Stimmen, in unseren leisen, lauten sechs- und viersaitigen Gitarren.
In Delia, in Cayen, in Freygang und in unserem Publikum …“
Zunächst gilt es mit Trauer und Zuversicht das Abschiedskonzert in der Berliner Kulturbrauerei zu meistern: Am 16. Januar 2009 spielt Freygang ohne ihren Kapitän dort mit Engerling, Dritte Wahl und vielen anderen Musikern, die mit André Greiner-Pol je auf der Bühne standen… Viele Altmärker werden dabei sein.
Am Jahresende erscheint beim Buschfunk-Label die Doppel-CD vom diesjährigen Hohenlobbese-Festival, das Freygang seit 16 Jahren selbst organisiert.
Foto 1 Die Konzerte in der Rockscheune Schernikau nahmen mit Freygang ihren Anfang. Ulf Müller (Kassuhn), Frank „Olli“ Ollendorf (Schernikau), Ronald „Fischi“ Fischer (Sanne), Dirk „Murkel“ Müller (Kassuhn) und seine Frau Kirstin waren von Beginn an dabei.
Foto 2 Mippel (Mieste), Otti (Magedeburg/Salzwedel), Gardine (Calvörde) kamen zur Beisetzung auf den Parochial-Friedhof in Berlin Mitte.
Foto 3 Hilmar Vogt (Chemielehrer Gymn. Tangermünde), Thomas “Bombe” Kleiszmantatis (Stendal), Lutz “Alwin” Thiede (Offener Kanal Stendal) waren beim letzten regulären Freygang-Konzert in Tanna/Thüringen dabei – ohne Steuermann André Greiner-Pol.
http://www.freygangband.de/ und http://www.myspace.com/freygangband
In Auszügen erschienen in “Magdeburger Volksstimme”, 31.12.2008, adieu-grauer-wolf
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Tatarstanische Schulbücher zwischen nationaler und föderaler Geschichtsschreibung.
In Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan, trafen sich Wissenschaftler zu einer Konferenz mit dem etwas sperrigen Titel «The Contemporary Russian Historical Science: Prospect of Research and Realization of a National Educational Policy». Ein Schwerpunkt waren Debatten über die Inhalte im Geschichtsunterricht, um Xenophobie sowie nationalistische und rassistische Intoleranz in der multinationalen Gesellschaft der Russländischen Föderation abzubauen.
Die Republik Tatarstan ist eines von 85 Föderationssubjekten der Russländischen Föderation. Unter den 21 Republiken im Föderationsverband ist sie wohl eine der interessantesten und prosperierendsten, im ökonomischen aber auch im politischen Sinne.
Zu diesem Treffen im April diesen Jahres hatten das Institut für Geschichte „Š. Mardžani“ der Akademie der Wissenschaften Tatarstans, das Bildungsministerium und der Verband der Geschichtslehrer Tatarstans Historiker, Soziologen, Didaktiker und Politiker geladen, unterstützt von ISHD, der `International Society for History Didactics` und EUROCLIO, der `European Standing Conference of History Teachers’ Associations`.
Die Beiträge der KongressteilnehmerInnen boten einen Überblick über den Stand des Lehrens von Geschichte aus russländischer, europäischer und asiatischer Perspektive sowie einem `Weltblick` darauf. Abhebend auf Resultate von Analysen des Geschichtsunterrichtes der Russländischen Föderation wurde generell auf die positive Erfahrung mit multikulturellen Ansätzen weltweit aufmerksam gemacht. Diskutiert wurde die Rolle des Geschichtsunterrichts bei der Prävention und dem Überwinden von interethnischen und interreligiösen Problemen in der Gesellschaft der Russländischen Föderation. Ein wichtiger Streitpunkt war in dem Kontext der Beschluss des Bildungsministeriums in Moskau über die Einführung eines landesweiten Religionsunterrichts, was von nichtrussischen Völkern als Propagierung orthodox-slawischer Mehrheitskultur verstanden wird. Deshalb lag ein Focus der Veranstaltung auf der Analyse von Darstellungen islamisch-christlicher Beziehungen in den russländischen Schulbüchern und methodologische Aspekte bei deren Erstellung.
Ziel der Veranstaltung war es weiterhin, die Positionen der Historiker aus dem Wolga-Ural-Gebiet mit jener von Wissenschaftlern föderaler Institutionen etwa aus Sankt Petersburg und Moskau zu vergleichen, zu diskutieren und Lösungsmöglichkeiten für den inner-russländischen Schulbuchstreit aufzuzeigen. Und tatsächlich prallten die Sichtweisen von einigen Fachleuten aus dem föderalen Zentrum Moskau und der Peripherie unversöhnlich aufeinander. Der Schulbuchstreit, der zur Zeit in der Russländischen Föderation ausgefochten wird, konnte in Kasan live miterlebt werden. Worum geht es? Die einzelnen Subjekte der Russländischen Föderation – Republiken, Gebiete und Bezirke – haben die Möglichkeit, eigene regionale Schulbücher zu erstellen, die jedoch von den Zentralbehörden genehmigt werden müssen. In diesen Zentralen herrscht oft noch eine russische Sichtweise auf die Geschichte, nicht – wie von den Wissenschaftlern der „Peripherie“ gefordert – eine russländische Perspektive.
Gerade auch bei der Wahl der Adjektive für Institutionen oder administrative Einheiten entfachte sich ein alter Streit. Während tatarische und baschkirische Wissenschaftler viel Wert auf die Bezeichnung rossiskij (russländisch) legten, rutschte Gästen aus Moskau schon einmal ein russkij (russisch) heraus. In den Augen der muslimischen Wissenschaftler offenbarte sich so der immer noch vorhandene imperiale Geist des Zentrums. Rossijskaja Federatsija heißt wörtlich übersetzt ‚Russländische Föderation‘ (von Rossija ‚Russland‘) und nicht, Russische Föderation‘. Man hatte sich bei der Wahl der Staatsbezeichnung bewusst nicht für Russkaja Federatsija (‚Russische Föderation‘) entschieden, um auch die nicht-russischen Ethnien einzubeziehen. Ist von dem russischen Volk oder der russischsprachigen Kultur die Rede, spricht man daher im Russischen von russkij (‚russisch‘). Ist dagegen von den Staat Russland betreffenden Sachverhalten die Rede, verwendet man das Adjektiv rossijskij (‚russländisch‘). Auch die amtliche Übersetzung der Staatsverfassung verwendet diese Variante.
Für manche Gäste aus Westeuropa dürfte die Offenheit und Heftigkeit der Debatten während der Panels und auf den Gängen überrascht haben. Doch ging es hier ja um die grundsätzliche Sichtweise von Historikern auf die eigene – tatarische, baschkirische oder russische – und auf die gemeinsame – russländische – Geschichte sowie deren Darstellung in den Geschichtsbüchern. Und auch innerhalb der Republik Tatarstan wird unterschieden zwischen der Geschichte der Republik – tatarstanische Geschichte – und der Geschichte der Nation – tatarischer Geschichte. Während einige Wissenschaftler des Zentrums noch immer der sowjetischen Maxime folgen, es gäbe – wenn überhaupt – nur eine tatarstanische Geschichte, jedoch keine tatarische, insistierten Wissenschaftler der Minderheitenvölker explizit auf die eigene Geschichte, als etwas Selbständiges. Der Leiter des „Zentrums zur Erforschung vaterländischer Kultur am Institut Russländischer Geschichte der Russländischen Akademie der Wissenschaften“, Alexander Golubev, verstieg sich in den hitzigen Diskussionen zu der Feststellung, die Tataren und Mongolen hätten überhaupt keine erwähnenswerten historischen Leistungen vollbracht. Ihnen fehle schlicht die Hinterlassenschaft von kulturellen Werten im Sinne von architektonischem, kunstgewerblichem oder literarischem Erbe, um in Schulbüchern erwähnt zu werden. Dies forderte scharfe Entgegnungen von einheimischen Historikern heraus. Der baschkirische Vertreter Rushan Gallymov betonte, dass man endlich einsehen möge, das die russländische Geschichte bis in das 16. Jahrhundert hinein vor allem auch die Geschichte der Turkvölker gewesen sei: Kiptschaken, Kumanen, Petscheneken, Tataren, Bulgaren und andere Turkvölker hätten die Gebiete von Odessa bis zum Aralsee besiedelt und deren Geschicke bestimmt. Die Geschichte der Turkvölker sei nicht auf das `Tatarenjoch´ zu reduzieren. Dieser Eindruck entstehe jedoch, wenn man föderale Schulbücher aufschlage, so Marat Gibatdinov, Historiker und Vorsitzender des Geschichtslehrerverbandes Tatarstans. Die Geschichtsbücher der Föderation malten ein Bild einer rein russischen Vergangenheit und auch die von Moskauer Institutionen herausgegebenen Regionalschulbücher lassen die ethnischen und religiösen Minderheiten nur am Rande in Erscheinung treten. Ein krasser Gegensatz zur multiethnischen und multikonfessionalen Realität im Lande, wo die Tataren bereits die Ukrainer als zahlenmäßig stärkste Minderheit abgelöst hätten. Sie stellen mit fast 6 Millionen Menschen circa vier Prozent der Bevölkerung.
In engagierten Plädoyers für eine ausgewogene objektive Weltsicht auf die turko-tatarisch-slawische Geschichte der eurasischen Landmasse beteiligten sich Rais Shaikhelislamov, Minister für Bildung und Wissenschaft Tatarstans, der Direktor des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans, Rafael Khakimov und Mirkasim Usmanov, sein Stellvertreter.
Shaikhislamov betonte dabei, dass es bereits Ansätze für eine ausgewogenere Darstellung der Geschichte gäbe und dass es rechtlich schon heute möglich sei regionale Schulbücher individuell auf die Regionen abgestimmt zu erstellen, die die ethnische und kulturelle Gegebenheit der Region reflektieren. In dem Zusammenhang sollten die positiven Erfahrungen aus Deutschland beachtet werden, wo nationale Minderheiten Unterrichtsgegenstand seien. In russländischen föderalen Schulbüchern jedoch werden bis heute andere Ethnien denn die russische komplett ausgeblendet. Shaikhelislamov kritisierte scharf die beharrliche Verweigerung von Anerkennung der multiethnischen Realität in der Russländischen Föderation seitens des Zentrums und seiner Bildungsbehörden.
Vertreter von Hochschulen und Lehrerverbänden des Wolga-Ural-Gebietes unterstützten vehement dessen Wunsch nach Einrichtung eines „Russländischen Forschungszentrums für Pädagogik und Methodik“ um neue föderale Schulbücher zu entwickeln, die mit den neuesten Methoden und Erfahrungen des Geschichtsunterrichts in anderen multikulturellen Gesellschaften sowie moderner Geschichtsdidaktik korrespondieren. Entwickelt wurde ein entsprechender Antrag zusammen mit dem Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans.
In dem Zusammenhang fanden die Vorträge von Luigi Cajani „Pour un enseignement transculturel de l’histoire de l’humanité“ und „Towards a European History Textbook? Contemporary Textbook Research Beyond a Bilateral (National?) Perspective” von Simone Lässig starke Beachtung. Ein Kooperationsabkommen des GEI mit dem Institut „Šaibuddin Mardžani“ über den Austausch und gemeinsame Forschung auf dem Gebiet der Geschichtsdidaktik-, Methodik und Schulbuchproduktion wurde daher unter starkem Applaus der über 150 Wissenschaftler unterzeichnet. Mirkasim Usmanov, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften Tatarstans unterstrich die Bedeutung des Abkommens: „Nur durch respektvollen Umgang mit der Geschichte des Eigenen und des Anderen als gemeinsamer Geschichte unter Berücksichtigung der Erfahrung anderer Länder können wir für eine friedlichere Zukunft arbeiten – mittels Schulbüchern, die eine multireligiöse, multiethnische Realität anerkennen. Durch den objektiven Blick in die Vergangenheit für die Zukunft lernen!“
Mieste Hotopp-Riecke, Kasan/Berlin
Aus: Eckert – Das Bulletin, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig, Nr. 2 / Winter 2007, S. 42-45.
Mehr Informationen unter: http://tataroved.ru/actions/kongress/
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(Aus: pogrom – zeitschrift für bedrohte völker, Bozen, Italien: Society for threatened people, Nr. 244/245 (5-6, 2007), S. 35/37.
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Der kurdische Protestmusiker Ferhat Tunç spielte und diskutierte in Berlin
Von Anja Hotopp“Merhaba” heißt »Guten Tag« auf türkisch. Wenn Ferhat Tunç es zu Beginn seiner Konzerte singt, klingt es wie die Aufforderung, etwas zu bewegen. Das ist auch das Ziel des kurdischen Protestmusikers und Autoren. In der Türkei ist er ein Popstar, der den gesellschaftlichen Wandel seines Landes beschleunigen will. Letzte Woche war er als Aktivist von »Freemuse« in Berlin. Diese internationale Musikerinitiative setzt sich für zensurfreie Kunst ein. Erst gab Tunç zusammen mit Hans-Eckardt Wenzel und Konstantin Wecker ein Konzert in der Passionskirche, dann diskutierte er bei der Heinrich-Böll-Stiftung über die politische Zensur in der Türkei.
Für die türkischen Machthaber, das heißt sowohl für die islamische Regierung als auch für die kemalistische Justiz, gilt Tunç als Vertreter der gefürchteten drei K: Kurde, Kommunist und Kzlbas (Rotkopf). Letzteres ist die Bezeichnung für die große Religionsgruppe der Aleviten in der Türkei. Dabei geht es Tunç in seinen Liedern, die er auf türkisch und kurdisch singt, um Solidarität und Verständigung. Das meint er ganz praktisch. Letztes Jahr übergab er zusammen mit dem Filmemacher Umur Hozatl einen von der kurdischen Guerilla gefangenen türkischen Soldaten den Behörden – zur Erleichterung der Familie des Soldaten. daraufhin wurde er wegen staatsfeindlichem Verhalten angeklagt. Zur Zeit sind fünf Verfahren gegen ihn anhängig. Sei es, weil er in einer Zeitungskolumne für die Freilassung von Leyla Zana eintrat, der Ikone der kurdischen Demokratiebewegung, die zehn Jahre im Gefängnis saß, weil sie es 1991 gewagt hatte, als frischgewählte Parlamentarierin ihren Amtseid auf türkisch und kurdisch zu sprechen, oder sei es wegen der Songtexte seiner erfolgreichen Protestmusik.
Ein Lied von Hans-Eckardt Wenzel heißt »Die Zeit der Irren und Idioten«. Bei ihrem gemeinsamen Konzert am Donnerstag erinnerte Tunç mit einem armenischen Stück an seinen ermordeten Freund, den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Andere Lieder handelten vom Todesfasten der politischen Gefangenen und von der Zerstörung der kurdischen Landschaft. Unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung werden Dörfer entvölkert, Bergwälder abgeholzt und Flüsse aufgestaut. Als er eines der bekanntesten Lieder von Ahmet Kaya anstimmte, war das Publikum begeistert. Kaya war der König der türkischen Protestpoeten. Der Marxist wurde außer Landes getrieben und starb 2000 im Pariser Exil nach einem Herinfarkt.

Tunç besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Als er 15 war, kam er mit seiner Familie nach Rüsselsheim. Erst sechs Jahre später kehrte er in die Türkei zurück. Anfang der 80er Jahre lernte er in Frankfurt/Main den US-Musiker Darnell Summers kennen, einen Jazz-Drummer und Vietnam-Veteranen, der für einen angeblichen Polizistenmord unschuldig im Gefängnis gesessen hatte und nach einer internationalen Solikampagne freigekommen war. Mit Summers tourte Tunç in einer amerikanisch-griechisch-kurdischen Band durch Europa. Überraschend betrat auch Summers am Donnerstag die Bühne und schmetterte mit Wenzel, Tunç und Wecker »Bella Ciao« auf türkisch, deutsch und italienisch.
Am Freitag saß Tunç dann in der Heinrich-Böll-Stiftung und diskutierte mit dem Islamwissenschaftler Udo Steinbach und dem grünen Europaparlamentarier Cem Özdemir die aktuelle türkische Politik. Regelmäßig kollidiert er mit dem türkischen Strafgesetzbuch, dessen Gummibandparagraphen gegen ihn ausgelegt werden. Konnte beispielsweise der frühere Putschgeneral und Staatspräsident Kenan Evren mit beginnender Altersweisheit öffentlich Türkei – Kürtei (Kürt = türkisch für Kurde) reimen, hätte ein solches Wortspiel für Tunç wahrscheinlich ein neues Verfahren nach sich gezogen, meinte Steinbach. Trotzdem seien die politischen Verhältnisse in der Türkei unübersichtlicher, als man hierzulande gemeinhin annimmt. So gebe es in der angeblich sozialdemokratischen CHP kaum Sozialdemokraten und in der Regierungspartei AKP nicht nur islamische Hardliner, aber gewiß auf beiden Seiten stramme türkische Nationalisten. Laut Özdemir sei das für Außenstehende kaum nachvollziehbar.

Sicher ist nur, daß es in der Türkei brodelt. Für Regierungschef Recep Tayip Erdogan sind Kopftücher wichtiger als die Kurdenfrage. Kommt er nach Deutschland, warnt er die hier lebenden Türken vor der Assimilation, während türkisches Militär wieder einmal in die kurdischen Berge zieht, um »terroristische PKK-Zellen« auszuheben. Innenpolitisch werden die Daumenschrauben derzeit wieder fester angezogen, was vor allem Künstler und Intelektuelle, Aleviten und Kurden zu spüren bekommen. Währenddessen steht die Regierungspartei AKP kurz davor, höchstrichterlich für illegal erklärt zu werden, weil sie für den kemalistischen Staat zu religiös ist. Nach Steinbach wird sie innerhalb der nächsten sechs Monate verboten. Und dann? Dann singen alle im Chor: »Das ist die Zeit der Irren und Idioten.« Auf der Bühne in der Passionskirche fragte Wenzel, ob dies nicht die Chance für eine politische Globalisierung neuer Art sein könnte: In Polen sei gerade eine Regierung frei, die wäre zwar nicht besser, aber billiger.
(Aus: junge Welt, 08.04.2008 / Feuilleton / Seite 13)
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Istanbul Post |
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Jahrgang 5 |
Nr. 24 |
vom 13.06.2005 |
Menschenrechtspreis an Präsidenten der Krimtataren Mustafa Dschemilev
von Mieste Hotopp-Riecke
Am vergangenen Wochenende weilte der ukrainische Präsident Viktor Yuschtschenko zusammen mit dem Abgeordneten der Krimtataren in der Hohen Rada und Präsident des krimtatarischen Meclis (Nationalparlament) in Ankara. Sie waren beide auf Staatsbesuch bei Ministerpräsident Erdogan, beim Staatspräsidenten Sezer und beim türkischen Parlamentspräsidenten Arinç, bei dem es um die Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Türkei und der Ukraine gehen sollte. Den Tataren auf der Krim kommt in der Hinsicht eine wichtige Mittlerrolle zu. Bei dem Besuch am Wochenende wurden verschiedene Verträge zu Zusammenarbeit auf den Gebieten der Petrolwirtschaft, der Wissenschaft, des Bahnwesens und der Technologie unterzeichnet.
Von links nach rechts: André Rollinger (Vorsitzender GfbV
International /Luxemburg), Ismet Zaatov, Sergej Kowaljow, Safinar Dschemileva, Tilman Zülch (Gen.sekretär GfbV Deutschland). Foto: Haselmeyer & Witte
In Deutschland kamen zur gleichen Zeit über 200 Menschenrechtler, Wissenschaftler und Politiker aus Europa und Übersee zur 37. Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völke (GfbV) zusammen und haben die deutsche Bundesregierung aufgefordert, sich stärker für die Menschen in Krisenregionen zu engagieren. Für den ebenfalls eingeladenen Mustafa Dschemilev kamen stellvertretend nach Göttingen seine Frau Safinar Dschemileva; Vorsitzende der krimtatarischen Frauenliga und als höchster Repräsentant der Krimtataren der stellvertretende Kulturminister der autonomen Republik Krim, Ismet Zaatov.
Einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten, Wladimir Putin, der 75 Jahre alte Menschenrechtler Sergej Kowaljow sagte, das heutige Russland falle in die alte Ideologie zurück und sei “eine Bedrohung für die ganze Welt. Nicht durch Panzer oder Atomwaffen, sondern weil Lüge und Niedertracht durch dieses Land verbreitet wird.” Der Präsident des krimtatarischen Meclis (Nationalparlament), Mustafa Dschemilev und Kowaljow wurden mit dem Victor-Gollancz-Menschenrechtspreis 2005 der GfbV geehrt. Dschemilev, wie Kowaljow ein alter Freund des Sowjet-Dissidenten Andrej Sacharow, nach dem der Friedenspreis des Europarates benannt ist, – wird im September zu den krimtatarischen Kulturtagen nach Berlin kommen. Nach Göttingen konnte er wegen des Staatsbesuchs in Anjara nicht kommen.
Da das krimtatarische Nationalparlament, eine Einrichtung ähnlich der Domowina der Sorben in Deutschland, immer noch nicht von der Ukraine anerkannt ist, gab es politische Auseinandersetzungen in der Ukraine, die mit dem Kompromiss endeten, dass Mustafa Dschemilev der Vize-Prmierminister der nächsten Krimregierung wird und zwei Ministerposten von Tataren besetzt werden sollen. An die deutsche Bundesregierung wurde in einer Resolution appelliert, die Rückkehrerbewegung der Krimtataren als integralen Bestandteil der Demokratiebewegung der Ukraine zu unterstützen. Auch ihr sei es zu verdanken, dass die Ukraine sich zunehmend in einen freiheitlichen, demokratischen Staat verwandelt. Die Krimtataren stellen die muslimische autochthone Bevölkerung der Krimhalbinsel und wurden unter Stalin 1944 kollektiv deportiert. 50% der Deportierten- die meisten waren Frauen, Kinder und Alte, die Männer kämpften zur selben Zeit auf Seiten der Roten Armee- überlebten die Umsiedlungsaktion nicht. Ihnen blieb im Gegensatz zu den anderen von der Krim deportierten Minderheiten der Griechen, Bulgaren, Armenier u.a. eine Rehabilitierung vorenthalten. Erst Anfang der 1990er Jahre kehrten immer mehr Familien zurück. Heute schätzt man, dass rund die Hälfte der krimtatarischen Bevölkerung noch in Mittelasien, vornehmlich in Usbekistan lebt. Die Bundesregierung hätte während der so genannten „orangenen Revolution“ lange die Position des russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt, der den autoritären früheren Präsidenten Kutschma an der Macht halten wollte, obwohl offensichtliche Wahlmanipulation vorgelegen hätte. Bundeskanzler Schröder hätte Putin in diesem Zusammenhang gar als „lupenreinen Demokraten“ bezwichnet. Die Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte die Bundesregierung jetzt auf, die neue Regierung der Ukraine bei ihren Bestrebungen für die Demokratisierung der gesamten Gesellschaft zu unterstützen. Konkret baten die Vertreter des Krimtatarischen Nationalparlaments die GfbV um Vermittlung und forderten von der Bundesregierung verschiedene Schritte zu unternehmen. Die deutsche Regierung solle Kontakte aufnehmen zu den Regierungen der Ukraine und Usbekistans, um sich gemeinsam der historischen Verantwortung für die Deportation und den Genozid an den Krimtataren zu stellen. Die drei Regierungen sollten gemeinsam die historische Tatsache des Genozids an den Krimtataren anerkennen, um so den Weg für politische Rehabilitation zu ebnen. Es sollte diplomatisch Einfluss auf die beteiligten GUS-Staaten genommen werden, die Repatriierung der Krimtataren auf die Krim zu erleichtern und Rücksiedlungsprojekte der Krimtataren finanziell zu unterstützen. Desweiteren fordern die Krimtataren von der Bundesregierung, den Aufbau des nationalen krimtatarischen Bildungswesens zu unterstützen, sowie die Möglichkeit zu prüfen ein kulturelles Zentrum für die Krimdeutschen und Krimtataren zu schaffen.
An die deutsche Öffentlichkeit und die Muslime in Europa wandten sich die Vertreter des krimtatarischen Volkes weiterhin mit der Bitte um Unterstützung bei die Kontaktanbahnung einer Städtepartnerschaft für Bachtschisaray, die alte tatarische Hauptstadt der Krim, die Unterstützung der krimtatarischen Kulturwoche im September in Berlin als Multiplikator für Kontakte zwischen der Krim und Deutschland auf verschiedensten Ebenen sowie die Anbahnung einer Partnerschaft zwischen einer deutschen Universität und der Universität für Ingenieurswesen und Pädagogik der Krim zur Förderung des wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Austausches. Die GfbV solle die rassistischen, islamophoben Übergriffe auf Krimtataren und andere muslimische Minderheiten der Autonomen Republik Krim und die Diskriminierung der Krimtataren etwa in den Bereichen Staatsbürgerschaftsrecht, Bildungszugang, Wohnortwahl, Arbeitsplatzvergabe öffentlich machen.
Bundesumweltminister Jürgen Trittin, der das Grußwort der Bundesregierung sprach, wies auf der Tagung auf den Zusammenhang von Klimawandel und Fluchtbewegungen hin. In den kommenden 20 Jahren werde sich die Zahl der Umweltflüchtlinge auf 100 Millionen Menschen vervierfachen. Er forderte ein Gesetz zum Schutz der Urwälder und der Zertifizierung von Holz. Allein in Indonesien würde 73 Prozent des Tropenholzes illegal geschlagen. Opfer seien – wie in vielen anderen Ländern auch – die Ureinwohner.
Zu verschiedenen anderen Konfliktherden der Welt wurden ebenfalls Resolutionen verabschiedet, die in themenbezogenen Arbeitsgruppen erarbeitet wurden. Der Fokus lag hierbei gemäß dem diesjährigen Leitsatz der GfbV-Versammlung „Gegen Vertreibung und Flucht – Für Rückkehr“ auf Konflikten, bei denen Flüchtlinge immer noch auf Hilfe für ihre Repatriierung hoffen, wie etwa in Tschetschenien, Bosnien, Kosovo, Sudan und Irak.
Der Generalsekretär der GfbV, Tilman Zülch, bestärkte die Teilnehmer darin, das Vermächtnis der Opfer von Völkermordverbrechen als Leitlinie zu nutzen und immer und überall an Leib und Leben bedrohten Menschen zur Hilfe zu kommen. Die GfbV habe sich seit ihrer Gründung bemüht, auf keinem Auge blind zu sein, alle Verbrechen an ethnischen und religiösen Gemeinschaften, an Minderheiten und indigenen Völkern zu verurteilen und nach Möglichkeit auch zu bekämpfen.
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Von Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke
Das tausendjährige Kasan an der Wolga, Hauptstadt von Tatarstan, ist lebendiges Zentrum für die deutschstämmigen evangelischen Christen in der ¬russischen Teilrepublik mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung.
Victor Dietz ist stolz auf seine Kirche, auf seine Gemeinde und auf das Erreichte in seiner Stadt. Seit den 1750er Jahren gehören die Deutschen zum städtischen Leben in Kasan, der Tataren-Hauptstadt am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga. »Es lebt sich gut hier, denn ein friedliches Miteinander hat Tradition«, erzählt Dietz. Kasan beherbergt schon seit vielen Jahrhunderten verschiedenste Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung sind muslimische Tataren, aber auch Juden, Russen, Tschuwaschen, Baschkiren, Udmurten und eben Deutsche sind schon lange in der Stadt verwurzelt. So verwundert es nicht, dass der studierte Physiker mit einer Tatarin verheiratet ist.
Die Gemeinde der Russlanddeutschen in Kasan umfasst 500, in ganz Tatarstan 3000 Menschen. Die vergangenen Jahre hat Dietz seine Energie darauf verwandt, wieder ein aktives Gemeindeleben zu schaffen. Das gilt insbesondere für die evangelisch-lutherische Kirche. Aber auch das an die Kirche angrenzende Deutsche Haus ist für alle offen. Kirche und Gemeindedomizil dienen gleichzeitig als Treffpunkt, Veranstaltungs- und Proberaum. Eine Besonderheit sei, so Dietz, die stetig wachsende Gemeinde in Kasan. Einerseits finden immer mehr Wolga-Deutsche zurück zum Glauben, andererseits existiert eine ganz besondere Ökumene. Durch die Aktivitäten der Lutherischen Gemeinde und der »Nationalen Kultur-Autonomie der Deutschen Tatarstans« werden Katharinenkirche und Deutsches Haus immer attraktiver auch für mennonitische, katholische und orthodoxe Christen der Stadt, nicht nur mit deutschen Vorfahren. Der Propsteirat Tatarstans ist zuständig für den gesamten Bereich »Europäisches Russland« und sieht sich in der Tradition der evangelisch-lutherischen Siedler der Zarenzeit als auch der Deutschen Wolgarepublik.
Fröbelkindergarten und Kirchendach
Diese Tradition fortzusetzen, hat sich auch Dr. Christian Herrmann auf die Fahnen geschrieben. Bereits seit acht Jahren arbeitet er ehrenamtlich als Pfarrer in der Gemeinde und hilft, das deutsche Erbe Kasans zu verwalten und an alte Blütezeiten wieder anzuknüpfen. Schon vier Gemeinden sind im Kirchenkreis Tatarstan unter seiner Regie entstanden. Ziel des 73-jährigen pensionierten Propstes ist es, »Perspektiven für Russland mit zu entwickeln«. Und in seiner achtjährigen Arbeit hat er einiges erreicht. So gründete er eine ¬Diakoniestation und eine Apotheke in Kasan. Auch dies hat lange Tradition: Die erste Apotheke in Kasan wurde von Deutschen 1855 gegründet.
Für die Kleinsten der Gemeinde wurde der Fröbelkindergarten eröffnet. Der 235 Jahre alten lutherischen Katharinenkirche verhalf Viktor Dietz zu einem neuen Dach. Doch damit sind die Arbeiten an dem alten Gemäuer noch lange nicht beendet. Vor dem Zerfall des Sozialismus diente die Kirche dem sowjetischen Geheimdienst KGB als Turnhalle. Ständige ¬Arbeitseinsätze sollen das Haus wieder in altem Glanz erstrahlen lassen – irgendwann, denn das Geld ist knapp.
Neben diesen baulichen Arbeiten gibt es noch etliche andere Dinge zu tun, die sowohl Herrmann als auch Victor Dietz auf Trab halten. Bedürftige der Stadt können sich einmal
pro Woche in der Sach- und Kleidersammlung gegen eine Spende bedienen, die Herrmann von Deutschland aus organisiert. Die Sommermonate werden genutzt, um die deutschen Gräber auf dem städtischen Friedhof zu pflegen. Dietz und Herrmann wollen auf diese Weise an die lange Tradition der Russlanddeutschen und deren Hinterlassenschaften in Kasan anknüpfen. Die 1804 gegründete Universität, zweitälteste Russlands, wurde mit maßgeblichem Engagement von Deutschen aufgebaut. Der gute Ruf der Stadt zog viele renommierte Wissenschaftler an und brachte große Geister hervor. Karl Ernst Claus entdeckte hier das Ruthenium, Lew ¬Tolstoi studierte in Kasan und Iwan Baudouin de Courtenay begründete hier die moderne Sprachwissenschaft. Auch Wladimir Iljitsch Uljanow studierte an der Kasaner Alma Mater. Damals wurde er allerdings noch nicht Lenin genannt. Und der 1805 aus dem Fürstentum Nassau-Dillenburg nach Kasan gekommene Arzt, Historiker und Ethnograph, Karl Fuchs, zählt noch heute zu den bedeutendsten Gelehrten der Stadt.
Die Deutschen von Kasan waren die Aktivsten in Zeiten von Glasnost und Perestroika, ermunterten auch Russen und Tataren zum Kampf für Menschenrechte und Demokratie. Eine Anekdote aus dieser Zeit gibt Dietz gern zum Besten: Für eine Petition auf Wiedereinrichtung der deutschen Kulturautonomie unterschrieben binnen zwei Wochen tausende Menschen: neben einer Handvoll Russen und den Deutschen Kasans vor allem Tataren!
Beispiel friedlichen Zusammenlebens
Doch die Gemeinde lebt nicht nur in der Vergangenheit. Geschichte und Tradition bieten jedoch Anlass und Gelegenheit, Identität und Zusammenhalt zu stärken. Dies ist bei den Älteren wichtig, so Dietz, um die Abwanderung zu stoppen, bei den Jüngeren, um die Freizeit sinnvoll zu verbringen, Halt zu bieten. Zu den muslimischen und jüdischen Gemeinden der Region bestehen gute Beziehungen. Dies ist eben das Besondere an der Tradition Tatarstans, so Dietz: Während in Nachbarregionen vor ¬allem gegen Juden und Muslime ¬xenophobe Attacken von russischen Nationalisten zunähmen, lebten hier Christen, Muslime und Juden friedfertig und solidarisch.
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Unterstützt wird die Arbeit in Kasan unter anderen vom »Martin-Luther-Bund e.V.«, dem Diasporawerk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Fahrstraße 15, 91054 Erlangen, Telefon (09131) 7870-0.
Kontonummer 12304, Sparkasse Erlangen, BLZ 76350000, Kennwort: Deutschen Haus Kasan. www.mlb-zentrale.de
(Aus: Der Sonntag, Leipzig, 7.10.2007)
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