Fokus Ost


Mit Luther unter den Tataren
März 4, 2008, 4:30
Gespeichert unter: Archiv 2007

Von Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke

Das tausendjährige Kasan an der Wolga, Hauptstadt von Tatarstan, ist lebendiges Zentrum für die deutschstämmigen evangelischen Christen in der ¬russischen Teilrepublik mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung.
Victor Dietz ist stolz auf seine Kirche, auf seine Gemeinde und auf das Erreichte in seiner Stadt. Seit den 1750er Jahren gehören die Deutschen zum städtischen Leben in Kasan, der Tataren-Hauptstadt am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga. »Es lebt sich gut hier, denn ein friedliches Miteinander hat Tradition«, erzählt Dietz. Kasan beherbergt schon seit vielen Jahrhunderten verschiedenste Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung sind muslimische Tataren, aber auch Juden, Russen, Tschuwaschen, Baschkiren, Udmurten und eben Deutsche sind schon lange in der Stadt verwurzelt. So verwundert es nicht, dass der studierte Physiker mit einer Tatarin verheiratet ist.
Die Gemeinde der Russlanddeutschen in Kasan umfasst 500, in ganz Tatarstan 3000 Menschen. Die vergangenen Jahre hat Dietz seine Energie darauf verwandt, wieder ein aktives Gemeindeleben zu schaffen. Das gilt insbesondere für die evangelisch-lutherische Kirche. Aber auch das an die Kirche angrenzende Deutsche Haus ist für alle offen. Kirche und Gemeindedomizil dienen gleichzeitig als Treffpunkt, Veranstaltungs- und Proberaum. Eine Besonderheit sei, so Dietz, die stetig wachsende Gemeinde in Kasan. Einerseits finden immer mehr Wolga-Deutsche zurück zum Glauben, andererseits existiert eine ganz besondere Ökumene. Durch die Aktivitäten der Lutherischen Gemeinde und der »Nationalen Kultur-Autonomie der Deutschen Tatarstans« werden Katharinenkirche und Deutsches Haus immer attraktiver auch für mennonitische, katholische und orthodoxe Christen der Stadt, nicht nur mit deutschen Vorfahren. Der Propsteirat Tatarstans ist zuständig für den gesamten Bereich »Europäisches Russland« und sieht sich in der Tradition der evangelisch-lutherischen Siedler der Zarenzeit als auch der Deutschen Wolgarepublik.
Fröbelkindergarten und Kirchendach
Diese Tradition fortzusetzen, hat sich auch Dr. Christian Herrmann auf die Fahnen geschrieben. Bereits seit acht Jahren arbeitet er ehrenamtlich als Pfarrer in der Gemeinde und hilft, das deutsche Erbe Kasans zu verwalten und an alte Blütezeiten wieder anzuknüpfen. Schon vier Gemeinden sind im Kirchenkreis Tatarstan unter seiner Regie entstanden. Ziel des 73-jährigen pensionierten Propstes ist es, »Perspektiven für Russland mit zu entwickeln«. Und in seiner achtjährigen Arbeit hat er einiges erreicht. So gründete er eine ¬Diakoniestation und eine Apotheke in Kasan. Auch dies hat lange Tradition: Die erste Apotheke in Kasan wurde von Deutschen 1855 gegründet.
Für die Kleinsten der Gemeinde wurde der Fröbelkindergarten eröffnet. Der 235 Jahre alten lutherischen Katharinenkirche verhalf Viktor Dietz zu einem neuen Dach. Doch damit sind die Arbeiten an dem alten Gemäuer noch lange nicht beendet. Vor dem Zerfall des Sozialismus diente die Kirche dem sowjetischen Geheimdienst KGB als Turnhalle. Ständige ¬Arbeitseinsätze sollen das Haus wieder in altem Glanz erstrahlen lassen – irgendwann, denn das Geld ist knapp.
Neben diesen baulichen Arbeiten gibt es noch etliche andere Dinge zu tun, die sowohl Herrmann als auch Victor Dietz auf Trab halten. Bedürftige der Stadt können sich einmal
pro Woche in der Sach- und Kleidersammlung gegen eine Spende bedienen, die Herrmann von Deutschland aus organisiert. Die Sommermonate werden genutzt, um die deutschen Gräber auf dem städtischen Friedhof zu pflegen. Dietz und Herrmann wollen auf diese Weise an die lange Tradition der Russlanddeutschen und deren Hinterlassenschaften in Kasan anknüpfen. Die 1804 gegründete Universität, zweitälteste Russlands, wurde mit maßgeblichem Engagement von Deutschen aufgebaut. Der gute Ruf der Stadt zog viele renommierte Wissenschaftler an und brachte große Geister hervor. Karl Ernst Claus entdeckte hier das Ruthenium, Lew ¬Tolstoi studierte in Kasan und Iwan Baudouin de Courtenay begründete hier die moderne Sprachwissenschaft. Auch Wladimir Iljitsch Uljanow studierte an der Kasaner Alma Mater. Damals wurde er allerdings noch nicht Lenin genannt. Und der 1805 aus dem Fürstentum Nassau-Dillenburg nach Kasan gekommene Arzt, Historiker und Ethnograph, Karl Fuchs, zählt noch heute zu den bedeutendsten Gelehrten der Stadt.
Die Deutschen von Kasan waren die Aktivsten in Zeiten von Glasnost und Perestroika, ermunterten auch Russen und Tataren zum Kampf für Menschenrechte und Demokratie. Eine Anekdote aus dieser Zeit gibt Dietz gern zum Besten: Für eine Petition auf Wiedereinrichtung der deutschen Kulturautonomie unterschrieben binnen zwei Wochen tausende Menschen: neben einer Handvoll Russen und den Deutschen Kasans vor allem Tataren!
Beispiel friedlichen Zusammenlebens
Doch die Gemeinde lebt nicht nur in der Vergangenheit. Geschichte und Tradition bieten jedoch Anlass und Gelegenheit, Identität und Zusammenhalt zu stärken. Dies ist bei den Älteren wichtig, so Dietz, um die Abwanderung zu stoppen, bei den Jüngeren, um die Freizeit sinnvoll zu verbringen, Halt zu bieten. Zu den muslimischen und jüdischen Gemeinden der Region bestehen gute Beziehungen. Dies ist eben das Besondere an der Tradition Tatarstans, so Dietz: Während in Nachbarregionen vor ¬allem gegen Juden und Muslime ¬xenophobe Attacken von russischen Nationalisten zunähmen, lebten hier Christen, Muslime und Juden friedfertig und solidarisch.

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Unterstützt wird die Arbeit in Kasan unter anderen vom »Martin-Luther-Bund e.V.«, dem Diasporawerk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Fahrstraße 15, 91054 Erlangen, Telefon (09131) 7870-0.

Kontonummer 12304, Sparkasse Erlangen, BLZ 76350000, Kennwort: Deutschen Haus Kasan. www.mlb-zentrale.de

(Aus: Der Sonntag, Leipzig, 7.10.2007)


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