Fokus Ost


Vom Gerichtsflur auf die Bühne und zurück
Mai 9, 2008, 7:30
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Der kurdische Protestmusiker Ferhat Tunç spielte und diskutierte in Berlin

Von Anja Hotopp

„Merhaba“ heißt »Guten Tag« auf türkisch. Wenn Ferhat Tunç es zu Beginn seiner Konzerte singt, klingt es wie die Aufforderung, etwas zu bewegen. Das ist auch das Ziel des kurdischen Protestmusikers und Autoren. In der Türkei ist er ein Popstar, der den gesellschaftlichen Wandel seines Landes beschleunigen will. Letzte Woche war er als Aktivist von »Freemuse« in Berlin. Diese internationale Musikerinitiative setzt sich für zensurfreie Kunst ein. Erst gab Tunç zusammen mit Hans-Eckardt Wenzel und Konstantin Wecker ein Konzert in der Passionskirche, dann diskutierte er bei der Heinrich-Böll-Stiftung über die politische Zensur in der Türkei.

Für die türkischen Machthaber, das heißt sowohl für die islamische Regierung als auch für die kemalistische Justiz, gilt Tunç als Vertreter der gefürchteten drei K: Kurde, Kommunist und Kzlbas (Rotkopf). Letzteres ist die Bezeichnung für die große Religionsgruppe der Aleviten in der Türkei. Dabei geht es Tunç in seinen Liedern, die er auf türkisch und kurdisch singt, um Solidarität und Verständigung. Das meint er ganz praktisch. Letztes Jahr übergab er zusammen mit dem Filmemacher Umur Hozatl einen von der kurdischen Guerilla gefangenen türkischen Soldaten den Behörden – zur Erleichterung der Familie des Soldaten. daraufhin wurde er wegen staatsfeindlichem Verhalten angeklagt. Zur Zeit sind fünf Verfahren gegen ihn anhängig. Sei es, weil er in einer Zeitungskolumne für die Freilassung von Leyla Zana eintrat, der Ikone der kurdischen Demokratiebewegung, die zehn Jahre im Gefängnis saß, weil sie es 1991 gewagt hatte, als frischgewählte Parlamentarierin ihren Amtseid auf türkisch und kurdisch zu sprechen, oder sei es wegen der Songtexte seiner erfolgreichen Protestmusik.

Ein Lied von Hans-Eckardt Wenzel heißt »Die Zeit der Irren und Idioten«. Bei ihrem gemeinsamen Konzert am Donnerstag erinnerte Tunç mit einem armenischen Stück an seinen ermordeten Freund, den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Andere Lieder handelten vom Todesfasten der politischen Gefangenen und von der Zerstörung der kurdischen Landschaft. Unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung werden Dörfer entvölkert, Bergwälder abgeholzt und Flüsse aufgestaut. Als er eines der bekanntesten Lieder von Ahmet Kaya anstimmte, war das Publikum begeistert. Kaya war der König der türkischen Protestpoeten. Der Marxist wurde außer Landes getrieben und starb 2000 im Pariser Exil nach einem Herinfarkt.

Tunç besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Als er 15 war, kam er mit seiner Familie nach Rüsselsheim. Erst sechs Jahre später kehrte er in die Türkei zurück. Anfang der 80er Jahre lernte er in Frankfurt/Main den US-Musiker Darnell Summers kennen, einen Jazz-Drummer und Vietnam-Veteranen, der für einen angeblichen Polizistenmord unschuldig im Gefängnis gesessen hatte und nach einer internationalen Solikampagne freigekommen war. Mit Summers tourte Tunç in einer amerikanisch-griechisch-kurdischen Band durch Europa. Überraschend betrat auch Summers am Donnerstag die Bühne und schmetterte mit Wenzel, Tunç und Wecker »Bella Ciao« auf türkisch, deutsch und italienisch.

Am Freitag saß Tunç dann in der Heinrich-Böll-Stiftung und diskutierte mit dem Islamwissenschaftler Udo Steinbach und dem grünen Europaparlamentarier Cem Özdemir die aktuelle türkische Politik. Regelmäßig kollidiert er mit dem türkischen Strafgesetzbuch, dessen Gummibandparagraphen gegen ihn ausgelegt werden. Konnte beispielsweise der frühere Putschgeneral und Staatspräsident Kenan Evren mit beginnender Altersweisheit öffentlich Türkei – Kürtei (Kürt = türkisch für Kurde) reimen, hätte ein solches Wortspiel für Tunç wahrscheinlich ein neues Verfahren nach sich gezogen, meinte Steinbach. Trotzdem seien die politischen Verhältnisse in der Türkei unübersichtlicher, als man hierzulande gemeinhin annimmt. So gebe es in der angeblich sozialdemokratischen CHP kaum Sozialdemokraten und in der Regierungspartei AKP nicht nur islamische Hardliner, aber gewiß auf beiden Seiten stramme türkische Nationalisten. Laut Özdemir sei das für Außenstehende kaum nachvollziehbar.

Sicher ist nur, daß es in der Türkei brodelt. Für Regierungschef Recep Tayip Erdogan sind Kopftücher wichtiger als die Kurdenfrage. Kommt er nach Deutschland, warnt er die hier lebenden Türken vor der Assimilation, während türkisches Militär wieder einmal in die kurdischen Berge zieht, um »terroristische PKK-Zellen« auszuheben. Innenpolitisch werden die Daumenschrauben derzeit wieder fester angezogen, was vor allem Künstler und Intelektuelle, Aleviten und Kurden zu spüren bekommen. Währenddessen steht die Regierungspartei AKP kurz davor, höchstrichterlich für illegal erklärt zu werden, weil sie für den kemalistischen Staat zu religiös ist. Nach Steinbach wird sie innerhalb der nächsten sechs Monate verboten. Und dann? Dann singen alle im Chor: »Das ist die Zeit der Irren und Idioten.« Auf der Bühne in der Passionskirche fragte Wenzel, ob dies nicht die Chance für eine politische Globalisierung neuer Art sein könnte: In Polen sei gerade eine Regierung frei, die wäre zwar nicht besser, aber billiger.

(Aus: junge Welt, 08.04.2008 / Feuilleton / Seite 13)



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