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Tatarstanische Schulbücher zwischen nationaler und föderaler Geschichtsschreibung.
In Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan, trafen sich Wissenschaftler zu einer Konferenz mit dem etwas sperrigen Titel «The Contemporary Russian Historical Science: Prospect of Research and Realization of a National Educational Policy». Ein Schwerpunkt waren Debatten über die Inhalte im Geschichtsunterricht, um Xenophobie sowie nationalistische und rassistische Intoleranz in der multinationalen Gesellschaft der Russländischen Föderation abzubauen.
Die Republik Tatarstan ist eines von 85 Föderationssubjekten der Russländischen Föderation. Unter den 21 Republiken im Föderationsverband ist sie wohl eine der interessantesten und prosperierendsten, im ökonomischen aber auch im politischen Sinne.
Zu diesem Treffen im April diesen Jahres hatten das Institut für Geschichte „Š. Mardžani“ der Akademie der Wissenschaften Tatarstans, das Bildungsministerium und der Verband der Geschichtslehrer Tatarstans Historiker, Soziologen, Didaktiker und Politiker geladen, unterstützt von ISHD, der `International Society for History Didactics` und EUROCLIO, der `European Standing Conference of History Teachers’ Associations`.
Die Beiträge der KongressteilnehmerInnen boten einen Überblick über den Stand des Lehrens von Geschichte aus russländischer, europäischer und asiatischer Perspektive sowie einem `Weltblick` darauf. Abhebend auf Resultate von Analysen des Geschichtsunterrichtes der Russländischen Föderation wurde generell auf die positive Erfahrung mit multikulturellen Ansätzen weltweit aufmerksam gemacht. Diskutiert wurde die Rolle des Geschichtsunterrichts bei der Prävention und dem Überwinden von interethnischen und interreligiösen Problemen in der Gesellschaft der Russländischen Föderation. Ein wichtiger Streitpunkt war in dem Kontext der Beschluss des Bildungsministeriums in Moskau über die Einführung eines landesweiten Religionsunterrichts, was von nichtrussischen Völkern als Propagierung orthodox-slawischer Mehrheitskultur verstanden wird. Deshalb lag ein Focus der Veranstaltung auf der Analyse von Darstellungen islamisch-christlicher Beziehungen in den russländischen Schulbüchern und methodologische Aspekte bei deren Erstellung.
Ziel der Veranstaltung war es weiterhin, die Positionen der Historiker aus dem Wolga-Ural-Gebiet mit jener von Wissenschaftlern föderaler Institutionen etwa aus Sankt Petersburg und Moskau zu vergleichen, zu diskutieren und Lösungsmöglichkeiten für den inner-russländischen Schulbuchstreit aufzuzeigen. Und tatsächlich prallten die Sichtweisen von einigen Fachleuten aus dem föderalen Zentrum Moskau und der Peripherie unversöhnlich aufeinander. Der Schulbuchstreit, der zur Zeit in der Russländischen Föderation ausgefochten wird, konnte in Kasan live miterlebt werden. Worum geht es? Die einzelnen Subjekte der Russländischen Föderation – Republiken, Gebiete und Bezirke – haben die Möglichkeit, eigene regionale Schulbücher zu erstellen, die jedoch von den Zentralbehörden genehmigt werden müssen. In diesen Zentralen herrscht oft noch eine russische Sichtweise auf die Geschichte, nicht – wie von den Wissenschaftlern der „Peripherie“ gefordert – eine russländische Perspektive.
Gerade auch bei der Wahl der Adjektive für Institutionen oder administrative Einheiten entfachte sich ein alter Streit. Während tatarische und baschkirische Wissenschaftler viel Wert auf die Bezeichnung rossiskij (russländisch) legten, rutschte Gästen aus Moskau schon einmal ein russkij (russisch) heraus. In den Augen der muslimischen Wissenschaftler offenbarte sich so der immer noch vorhandene imperiale Geist des Zentrums. Rossijskaja Federatsija heißt wörtlich übersetzt ‚Russländische Föderation‘ (von Rossija ‚Russland‘) und nicht, Russische Föderation‘. Man hatte sich bei der Wahl der Staatsbezeichnung bewusst nicht für Russkaja Federatsija (‚Russische Föderation‘) entschieden, um auch die nicht-russischen Ethnien einzubeziehen. Ist von dem russischen Volk oder der russischsprachigen Kultur die Rede, spricht man daher im Russischen von russkij (‚russisch‘). Ist dagegen von den Staat Russland betreffenden Sachverhalten die Rede, verwendet man das Adjektiv rossijskij (‚russländisch‘). Auch die amtliche Übersetzung der Staatsverfassung verwendet diese Variante.
Für manche Gäste aus Westeuropa dürfte die Offenheit und Heftigkeit der Debatten während der Panels und auf den Gängen überrascht haben. Doch ging es hier ja um die grundsätzliche Sichtweise von Historikern auf die eigene – tatarische, baschkirische oder russische – und auf die gemeinsame – russländische – Geschichte sowie deren Darstellung in den Geschichtsbüchern. Und auch innerhalb der Republik Tatarstan wird unterschieden zwischen der Geschichte der Republik – tatarstanische Geschichte – und der Geschichte der Nation – tatarischer Geschichte. Während einige Wissenschaftler des Zentrums noch immer der sowjetischen Maxime folgen, es gäbe – wenn überhaupt – nur eine tatarstanische Geschichte, jedoch keine tatarische, insistierten Wissenschaftler der Minderheitenvölker explizit auf die eigene Geschichte, als etwas Selbständiges. Der Leiter des „Zentrums zur Erforschung vaterländischer Kultur am Institut Russländischer Geschichte der Russländischen Akademie der Wissenschaften“, Alexander Golubev, verstieg sich in den hitzigen Diskussionen zu der Feststellung, die Tataren und Mongolen hätten überhaupt keine erwähnenswerten historischen Leistungen vollbracht. Ihnen fehle schlicht die Hinterlassenschaft von kulturellen Werten im Sinne von architektonischem, kunstgewerblichem oder literarischem Erbe, um in Schulbüchern erwähnt zu werden. Dies forderte scharfe Entgegnungen von einheimischen Historikern heraus. Der baschkirische Vertreter Rushan Gallymov betonte, dass man endlich einsehen möge, das die russländische Geschichte bis in das 16. Jahrhundert hinein vor allem auch die Geschichte der Turkvölker gewesen sei: Kiptschaken, Kumanen, Petscheneken, Tataren, Bulgaren und andere Turkvölker hätten die Gebiete von Odessa bis zum Aralsee besiedelt und deren Geschicke bestimmt. Die Geschichte der Turkvölker sei nicht auf das `Tatarenjoch´ zu reduzieren. Dieser Eindruck entstehe jedoch, wenn man föderale Schulbücher aufschlage, so Marat Gibatdinov, Historiker und Vorsitzender des Geschichtslehrerverbandes Tatarstans. Die Geschichtsbücher der Föderation malten ein Bild einer rein russischen Vergangenheit und auch die von Moskauer Institutionen herausgegebenen Regionalschulbücher lassen die ethnischen und religiösen Minderheiten nur am Rande in Erscheinung treten. Ein krasser Gegensatz zur multiethnischen und multikonfessionalen Realität im Lande, wo die Tataren bereits die Ukrainer als zahlenmäßig stärkste Minderheit abgelöst hätten. Sie stellen mit fast 6 Millionen Menschen circa vier Prozent der Bevölkerung.
In engagierten Plädoyers für eine ausgewogene objektive Weltsicht auf die turko-tatarisch-slawische Geschichte der eurasischen Landmasse beteiligten sich Rais Shaikhelislamov, Minister für Bildung und Wissenschaft Tatarstans, der Direktor des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans, Rafael Khakimov und Mirkasim Usmanov, sein Stellvertreter.
Shaikhislamov betonte dabei, dass es bereits Ansätze für eine ausgewogenere Darstellung der Geschichte gäbe und dass es rechtlich schon heute möglich sei regionale Schulbücher individuell auf die Regionen abgestimmt zu erstellen, die die ethnische und kulturelle Gegebenheit der Region reflektieren. In dem Zusammenhang sollten die positiven Erfahrungen aus Deutschland beachtet werden, wo nationale Minderheiten Unterrichtsgegenstand seien. In russländischen föderalen Schulbüchern jedoch werden bis heute andere Ethnien denn die russische komplett ausgeblendet. Shaikhelislamov kritisierte scharf die beharrliche Verweigerung von Anerkennung der multiethnischen Realität in der Russländischen Föderation seitens des Zentrums und seiner Bildungsbehörden.
Vertreter von Hochschulen und Lehrerverbänden des Wolga-Ural-Gebietes unterstützten vehement dessen Wunsch nach Einrichtung eines „Russländischen Forschungszentrums für Pädagogik und Methodik“ um neue föderale Schulbücher zu entwickeln, die mit den neuesten Methoden und Erfahrungen des Geschichtsunterrichts in anderen multikulturellen Gesellschaften sowie moderner Geschichtsdidaktik korrespondieren. Entwickelt wurde ein entsprechender Antrag zusammen mit dem Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans.
In dem Zusammenhang fanden die Vorträge von Luigi Cajani „Pour un enseignement transculturel de l’histoire de l’humanité“ und „Towards a European History Textbook? Contemporary Textbook Research Beyond a Bilateral (National?) Perspective” von Simone Lässig starke Beachtung. Ein Kooperationsabkommen des GEI mit dem Institut „Šaibuddin Mardžani“ über den Austausch und gemeinsame Forschung auf dem Gebiet der Geschichtsdidaktik-, Methodik und Schulbuchproduktion wurde daher unter starkem Applaus der über 150 Wissenschaftler unterzeichnet. Mirkasim Usmanov, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften Tatarstans unterstrich die Bedeutung des Abkommens: „Nur durch respektvollen Umgang mit der Geschichte des Eigenen und des Anderen als gemeinsamer Geschichte unter Berücksichtigung der Erfahrung anderer Länder können wir für eine friedlichere Zukunft arbeiten – mittels Schulbüchern, die eine multireligiöse, multiethnische Realität anerkennen. Durch den objektiven Blick in die Vergangenheit für die Zukunft lernen!“
Mieste Hotopp-Riecke, Kasan/Berlin
Aus: Eckert – Das Bulletin, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig, Nr. 2 / Winter 2007, S. 42-45.
Mehr Informationen unter: http://tataroved.ru/actions/kongress/
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Von Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke
Das tausendjährige Kasan an der Wolga, Hauptstadt von Tatarstan, ist lebendiges Zentrum für die deutschstämmigen evangelischen Christen in der ¬russischen Teilrepublik mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung.
Victor Dietz ist stolz auf seine Kirche, auf seine Gemeinde und auf das Erreichte in seiner Stadt. Seit den 1750er Jahren gehören die Deutschen zum städtischen Leben in Kasan, der Tataren-Hauptstadt am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga. »Es lebt sich gut hier, denn ein friedliches Miteinander hat Tradition«, erzählt Dietz. Kasan beherbergt schon seit vielen Jahrhunderten verschiedenste Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung sind muslimische Tataren, aber auch Juden, Russen, Tschuwaschen, Baschkiren, Udmurten und eben Deutsche sind schon lange in der Stadt verwurzelt. So verwundert es nicht, dass der studierte Physiker mit einer Tatarin verheiratet ist.
Die Gemeinde der Russlanddeutschen in Kasan umfasst 500, in ganz Tatarstan 3000 Menschen. Die vergangenen Jahre hat Dietz seine Energie darauf verwandt, wieder ein aktives Gemeindeleben zu schaffen. Das gilt insbesondere für die evangelisch-lutherische Kirche. Aber auch das an die Kirche angrenzende Deutsche Haus ist für alle offen. Kirche und Gemeindedomizil dienen gleichzeitig als Treffpunkt, Veranstaltungs- und Proberaum. Eine Besonderheit sei, so Dietz, die stetig wachsende Gemeinde in Kasan. Einerseits finden immer mehr Wolga-Deutsche zurück zum Glauben, andererseits existiert eine ganz besondere Ökumene. Durch die Aktivitäten der Lutherischen Gemeinde und der »Nationalen Kultur-Autonomie der Deutschen Tatarstans« werden Katharinenkirche und Deutsches Haus immer attraktiver auch für mennonitische, katholische und orthodoxe Christen der Stadt, nicht nur mit deutschen Vorfahren. Der Propsteirat Tatarstans ist zuständig für den gesamten Bereich »Europäisches Russland« und sieht sich in der Tradition der evangelisch-lutherischen Siedler der Zarenzeit als auch der Deutschen Wolgarepublik.
Fröbelkindergarten und Kirchendach
Diese Tradition fortzusetzen, hat sich auch Dr. Christian Herrmann auf die Fahnen geschrieben. Bereits seit acht Jahren arbeitet er ehrenamtlich als Pfarrer in der Gemeinde und hilft, das deutsche Erbe Kasans zu verwalten und an alte Blütezeiten wieder anzuknüpfen. Schon vier Gemeinden sind im Kirchenkreis Tatarstan unter seiner Regie entstanden. Ziel des 73-jährigen pensionierten Propstes ist es, »Perspektiven für Russland mit zu entwickeln«. Und in seiner achtjährigen Arbeit hat er einiges erreicht. So gründete er eine ¬Diakoniestation und eine Apotheke in Kasan. Auch dies hat lange Tradition: Die erste Apotheke in Kasan wurde von Deutschen 1855 gegründet.
Für die Kleinsten der Gemeinde wurde der Fröbelkindergarten eröffnet. Der 235 Jahre alten lutherischen Katharinenkirche verhalf Viktor Dietz zu einem neuen Dach. Doch damit sind die Arbeiten an dem alten Gemäuer noch lange nicht beendet. Vor dem Zerfall des Sozialismus diente die Kirche dem sowjetischen Geheimdienst KGB als Turnhalle. Ständige ¬Arbeitseinsätze sollen das Haus wieder in altem Glanz erstrahlen lassen – irgendwann, denn das Geld ist knapp.
Neben diesen baulichen Arbeiten gibt es noch etliche andere Dinge zu tun, die sowohl Herrmann als auch Victor Dietz auf Trab halten. Bedürftige der Stadt können sich einmal
pro Woche in der Sach- und Kleidersammlung gegen eine Spende bedienen, die Herrmann von Deutschland aus organisiert. Die Sommermonate werden genutzt, um die deutschen Gräber auf dem städtischen Friedhof zu pflegen. Dietz und Herrmann wollen auf diese Weise an die lange Tradition der Russlanddeutschen und deren Hinterlassenschaften in Kasan anknüpfen. Die 1804 gegründete Universität, zweitälteste Russlands, wurde mit maßgeblichem Engagement von Deutschen aufgebaut. Der gute Ruf der Stadt zog viele renommierte Wissenschaftler an und brachte große Geister hervor. Karl Ernst Claus entdeckte hier das Ruthenium, Lew ¬Tolstoi studierte in Kasan und Iwan Baudouin de Courtenay begründete hier die moderne Sprachwissenschaft. Auch Wladimir Iljitsch Uljanow studierte an der Kasaner Alma Mater. Damals wurde er allerdings noch nicht Lenin genannt. Und der 1805 aus dem Fürstentum Nassau-Dillenburg nach Kasan gekommene Arzt, Historiker und Ethnograph, Karl Fuchs, zählt noch heute zu den bedeutendsten Gelehrten der Stadt.
Die Deutschen von Kasan waren die Aktivsten in Zeiten von Glasnost und Perestroika, ermunterten auch Russen und Tataren zum Kampf für Menschenrechte und Demokratie. Eine Anekdote aus dieser Zeit gibt Dietz gern zum Besten: Für eine Petition auf Wiedereinrichtung der deutschen Kulturautonomie unterschrieben binnen zwei Wochen tausende Menschen: neben einer Handvoll Russen und den Deutschen Kasans vor allem Tataren!
Beispiel friedlichen Zusammenlebens
Doch die Gemeinde lebt nicht nur in der Vergangenheit. Geschichte und Tradition bieten jedoch Anlass und Gelegenheit, Identität und Zusammenhalt zu stärken. Dies ist bei den Älteren wichtig, so Dietz, um die Abwanderung zu stoppen, bei den Jüngeren, um die Freizeit sinnvoll zu verbringen, Halt zu bieten. Zu den muslimischen und jüdischen Gemeinden der Region bestehen gute Beziehungen. Dies ist eben das Besondere an der Tradition Tatarstans, so Dietz: Während in Nachbarregionen vor ¬allem gegen Juden und Muslime ¬xenophobe Attacken von russischen Nationalisten zunähmen, lebten hier Christen, Muslime und Juden friedfertig und solidarisch.
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Unterstützt wird die Arbeit in Kasan unter anderen vom »Martin-Luther-Bund e.V.«, dem Diasporawerk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Fahrstraße 15, 91054 Erlangen, Telefon (09131) 7870-0.
Kontonummer 12304, Sparkasse Erlangen, BLZ 76350000, Kennwort: Deutschen Haus Kasan. www.mlb-zentrale.de
(Aus: Der Sonntag, Leipzig, 7.10.2007)
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Tataren in Deutschland. Kulturelle Selbstbehauptung zwischen russischen und türkischen Migrantenverbänden
Beim Wort »Tataren« denken wohl die meisten Deutschen zuerst an brandschatzende Reiter auf kleinen, zähen Steppenpferden, Dschingis Khans Sturmtruppen und die »Goldene Horde«. Dabei leben viele unter uns, die entweder zu türkischen oder russischen Einwanderern gezählt werden. Ihre Bemühungen, ihre Identität aufrechtzuerhalten, sind groß. Schätzungen zufolge sind 200 000 der Muslime in Deutschland tatarischer Herkunft – die meisten von ihnen krimtatarischer Abstammung. Sie organisieren sich in türkischen Verbänden. Ilkin Özisik etwa, der Vorsitzende der Türkischen Sozialdemokraten Berlins, aber auch Abdurahman Günes, der ehemalige Vorsitzende des »Türk Ülkücü Ocak« Berlin, besser bekannt als »Graue Wölfe«, gehören dazu. Diese Tataren flohen von der Krim seit dem 18. Jahrhundert in mehreren Migrationswellen in das Osmanische Reich respektive die spätere Republik Türkei und wanderten dann ab den 1960er Jahren, wie kurdische oder lasische »Gastarbeiter« auch, in die BRD ein.
Liberaler Islam
Ein kleinerer Teil von tatarischstämmigen Migranten ist wolgatatarischer Herkunft. Das Gros von ihnen kommt aus der Republik Tatarstan in der Russländischen Föderation. Diese Gemeinschaft ist von den Türken durch eine sprachliche Barriere getrennt. Während das Krimtatarische innerhalb der Turksprachen dem Türkei-Türkischen recht nahesteht, sprechen die Tataren im Wolga-Ural-Gebiet eine Sprache, die von Türken nicht auf Anhieb verstanden wird. Außerdem benutzen sie das kyrillische Alphabet. Diese Tataren versuchen, eigene Wege zu gehen: zwischen den starken Organisationen der Russen und Ukrainer auf der einen Seite sowie deutscher Mehrheitsgesellschaft und türkischen Verbänden auf der anderen. Stärkster Antrieb der tatarischen Gemeinde in Deutschland heute sind die Frauen. Sie organisieren Sprachkurse, Integrationsarbeit an der Basis und kümmern sich um das religiöse Leben der Gemeinden. Neben größeren Gemeinschaften in Frankfurt, München oder Thüringen gibt es zwei sehr aktive Vereine in Berlin. Oft arbeiten auch die russischen, jüdischen oder deutschen Ehemänner in den Vereinen mit. Ein großes Augenmerk richten die Aktivistinnen auf die Aufrechterhaltung ihrer Identität als Tatarinnen und Musliminnen und damit Angehörige der ältesten autochthonen islamischen Bevölkerung Europas. Besonders stolz sind sie auf ihre islamische Tradition, die dem Reformer Ismail Gasprinsky verpflichtet ist. Im liberalen Islam der Tataren sind Frau und Mann gleichberechtigt, eine »Kopftuchdebatte« gibt es nicht. Kontakte zur alten Heimat hält der Dachverband der Tataren, »Tatarlar Deutschland«, vor allem übers Internet aufrecht. So waren im vergangenen Jahr bei der Verabschiedung eines Appells gegen Rassismus und Neofaschismus in der Russländischen Föderation auch junge Tatarinnen aus Deutschland dabei, berichtet die zweite Vorsitzende des interkulturell und integrativ arbeitenden Verbandes, Venera Vagizova-Gerassimov. Sie leitet außerdem einen der Berliner Vereine und gibt die deutsch-tatarische Internet-Zeitschrift „Altabash“ heraus.
Neben der Integrationsarbeit in Deutschland kümmern sich NGOs und tatarische Vereine seit einigen Jahren verstärkt um kulturellen und wissenschaftlichen Austausch auch mit Tatarstan. Waren es bis vor einigen Jahren vor allem der Deutsch-Russische Austausch e. V. (www.austausch.org) oder die Robert-Bosch-Stiftung mit ihrem Lektorenprogramm, steht Tatarstan nun immer öfter auch im Fokus der Wirtschaft. Die Republik an Wolga und Kama mit ihren Erdöl- und -gasvorkommen, Raffinerien und Flugzeugfabriken ist eine der reichsten der Russländischen Föderation und kann eine eigenständige Wirtschaftspolitik entwickeln. Partnerstadt der Tatarenmetropole Kasan und zugleich Deutschlands »Stadt der Wissenschaft 2007« ist Braunschweig. Vielfältige wissenschaftliche Kooperationen zu Xenophobie, Migration und Islam wurden hier angestoßen. So arbeitet die Projektgruppe »Rasnoobrasie« (Vielfalt) zu Phänomenen wie Identität, Geschichte und Islam in Europa. Sie ist eine wissenschaftliche Initiative, in der tatarische, russische und deutsche Studierende und Wissenschaftler unter dem Titel »Leben mit der Vielfalt« gemeinsam forschen.
Ermordet in Plötzensee
Eingang in die Untersuchungen findet auch der wohl prominenteste Tatare, der Schriftsteller Musa Dschalil. Als ehemaliger Vorsitzender des tatarischen Schriftstellerverbandes war er einer von tausenden Tataren der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Dschalil sollte in einer der von den Nazis aufgestellten »Ostlegionen« auf seiten der Wehrmacht kämpfen. Der Schriftsteller arbeitete jedoch gegen seine neuen Befehlshaber und formierte eine geheime Widerstandsgruppe, mit der er die Redaktion der Truppenzeitschrift infiltrierte, die das deutsche Kommando herausgab. Dschalil und seine Leute druckten antifaschistische Flugblätter, die sie unter den Legionären in Umlauf brachten. Als das erste Bataillon der wolgatatarischen Legion an die Front geschickt wurde, erschossen die Soldaten ihre deutschen Offiziere und liefen zu den belorussischen Partisanen über. Im August 1943 wurde die Gruppe enttarnt, Dschalil von der Gestapo gefoltert und ins Gefängnis Berlin-Moabit gebracht. Im Februar 1944 wurden Dschalil und seine Genossen in Plötzensee hingerichtet. Am 23. April 1945 fand ein Soldat des Richtung Reichstag vorrückenden 79. Infateriekorps der Roten Armee an der Ecke Rathenower/Turmstraße Dschalils Gefängnisaufzeichnungen, die 1953 in Kasan als »Moabiter Hefte« veröffentlicht wurden. Kurz darauf erschien die russische, von Konstantin Simonow herausgegebene Fassung in der Moskauer Literaturnaja Gaseta. Noch 1946/47 war Dschalil vom sowjetischen Staatssicherheitsministerium MGB als Vaterlandsverräter und Nazikollaborateur auf die Fahndungsliste gesetzt worden.Tatarische Schriftstellerkollegen und Geheimdienstagenten brachten die Wahrheit über seine Widerstandstätigkeit und seinen Tod ans Licht. 1956 wurde ihm posthum der Titel »Held der Sowjetunion« verliehen, 1957 der Lenin-Preis für Literatur. Zu Ehren Dschalils treffen sich alljährlich sowohl Vertreter der tatarischen Vereine Berlins als auch Abgesandte der russischen Botschaft und Schulklassen der russischen Schule Berlins in Plötzensee, wo seine Hinrichtung stattfand. Das Gedenken an ihn ist fester Bestandteil des tatarischen Lebens in Berlin und Deutschland geworden. Daneben organisiert Vagizova mit dem Berliner Verein Tamga e. V. auch Theaterveranstaltungen, Konzerte und Lesungen. „Oftmals ist dies nur mit erheblichem finanziellen Aufwand zu realisieren, und die Wünsche, die wir in bezug auf unsere Arbeit noch haben, sind groß“ so die Vizechefin von »Tatarlar Deutschland«. Eigene Vereinsräume stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste. »Doch wir sind zäh und finden einen Weg.«
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Venera Vagizova-Gerassimov und Ahmet Babikov, Imam aus Moskau, am »Tatarenstein« auf dem Soldatenfriedhof Wünsdorf bei Berlin
(Aus: migration, Beilage der Tageszeitung „Junge Welt“ vom 21.11.2007)
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Jüdisches Leben in Kasan, der Hauptstadt der Tataren
Lautes Hupen ertönt und aufgeregt rennen die Kinder, deren Sommerferien gerade geendet haben, zum Tor ihres Schulgeländes. Die Eltern und ältere Geschwister warten bereits eine Weile auf die Busse, die Trauben von Schülern ins Freie entlassen sollen. Die Kinder kommen vom Feriencamp zurück in die tatarische Hauptsstadt Kasan. Das Ferienlager befindet sich inmitten eines Waldes. Im Einklang mit der Natur sollen die Kinder die traditionellen jüdischen Bräuche erfahren, erzählt Anna Smolina, die Leiterin des Jüdischen Hauses in Kasan. Die Schüler fiebern der jährlich stattfindenden Ferienzeit schon Wochen vor Beginn entgegen. Für das Leben in der jüdischen Gemeinde im multiethnischen Kasan, der Stadt, die Iwan der Schreckliche von den Tataren eroberte, ist es ebenfalls ein wichtiges Ereignis im Jahresveranstaltungskalender. Schweißt es doch die jungen Leute zusammen und verschafft allen Mitreisenden positive Erlebnisse, berichtet Smolina noch schnell bevor sie in ihr Büro zurückeilt, das im Jüdischen Haus, an der behäbig pulsierenden Straße der Gewerkschaften zu finden ist. Das unscheinbare Gebäude im hellen Türkis mit riesigen Holztoren steht dort bereits seit 1907 und hat seit damals eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Heute ist es wieder das Herzstück jüdischer Kultur in der Tatarenhauptstadt. Jene Hauptstadt der Republik Tatarstan – am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga gelegen – ist der vielleicht toleranteste Ort innerhalb der Russländischen Förderation. Lenin und Tolstoi studierten hier, die Ikone der Mutter Gottes aus Kasan kennt jeder Russe, doch außerhalb der Föderation ist die weltoffene Stadt immer noch ein Geheimtipp unter Managern und Investoren. Ideale Bedingungen bietet die Stadt nicht nur Kapitalanlegern und den Studenten der drei Universitäten, die aus demgesamten Staatsgebiet nach Tatarstan zum Studium kommen. Auch Juden aus dem In- und Ausland zieht es nach Kasan. Grund ist das friedliche Miteinander verschiedenster Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung hier sind die Nachkommen von Wolga-Bulgaren und Dschingis Khans Goldener Horde: Die Tataren. Aber auch Russen, Deutsche, Udmurten, Tschuwaschen und eben Juden leben in der 1.000 Jahre alten Stadt. Dieses tolerante Klima führte in den vergangenen Jahren auch zu einem imposanten Wirtschaftswachstum, dessen Ende noch nicht in Sicht ist. Ein frischer Wind von Aufschwung beflügelt die Investitionsbereitschaft zahlreicher Unternehmer und führte nicht zuletzt dazu, dass das jüdische Leben der Stadt zunimmt.
Ein altes jüdisches Sprichwort besagt: «Wohin wer geht, weiß nur der Gehende». Auch aus Tatarstan sind viele nach dem Zerfall der Sowjetunion gegangen. Amerika, Großbritannien und Israel waren hauptsächlich die Ziele der Menschen, die ihr Glück anderswo suchten. Ist in anderen Teilen des ehemaligen Zarenreiches immer noch ein Ausbluten jüdischer Gemeinden zu verzeichnen, freuen sich die Kasaner Juden über Zuwachs. Eine unerwartete Wende: Es gibt jedes Jahr mehr Rückkehrer aus Israel und USA. Mittlerweile leben wieder 11.000 Juden in Tatarstan, die Mehrzahl von ihnen in Kasan. «Wir sind eine Gemeinde, die seit einigen Jahren stetig wächst», freut sich Smolina. Das Gemeindezentrum im Herzen Kasans ist bemüht, allen in Tatarstan lebenden Juden Anlaufpunkt für religiöses und gesellschaftliches Leben zu sein. So gibt es im Haus neben Synagoge und Gebetsraum auch das Gemeindezentrum mit Sozialstation, Arztpraxis und Apotheke, Senioren – sowie Jugendtreff. Vom Gemeindehaus aus wird eine mobile Krankenpflege betrieben, ein Putzdienst organisiert und Essen auf Rädern an Bedürftige geliefert. Das alles läuft unter der Federführung von Anna Smolina, die selten zur Ruhe kommt und einen Zwölf-Stunden-Tag für selbstverständlich hält. Außer Atem kommt sie deshalb nicht und auch die Ideen gehen der engagierten Frau nicht aus, wie das Gemeindeleben noch attraktiver für alle gestaltet werden könnte. Denn neben all den Plänen, die verwirklicht werden wollen und organisatorischen Aufgaben, die erledigt werden müssen, darf der Kontakt zu den Menschen nicht abbrechen, so Smolina «Sich die Sorgen und Nöte der Menschen anzuhören, dafür muss immer Zeit bleiben.» Denn trotz des Aufschwung und zahlreicher positiver Tendenzen gibt es auch immer noch sehr viele Bedürftige, die nicht ausgeschlossen und vergessen werden dürfen. Der Boom geht wie anderswo erst einmal an den einfachen Leuten vorbei. So sorgt eine Suppenküche für wenigstens eine warme Malzeit am Tag für die, die nichts haben. Der Jugendklub des Gemeindezentrums ist ein Treff- und Angelpunkt für 450 Schüler und Jugendliche. Tanz- und Theatergruppen, Nachhilfe, Chor- und Musikensembles halten ein buntes Spektrum für verschiedenste Interessen bereit. Die Bibliothek hat nicht nur für die Gemeindemitglieder viel Lesestoff, sondern ist ebenso bei Studenten und Wissenschaftlern begehrt. Populär sind Sprachkurse in Hebräisch und Ivrit, die das Gemeindezentrum bietet. Gesprochen wird im Jüdischen Haus neben Ivrit und Russisch auch noch Jiddisch, mit dem sich vor allem die Alten verständigen, wenn sie im Seniorentreff «Altin Yash» zusammenkomme. Altin Yash ist tatarisch und bedeutet «Goldene Jahre». «Unser Haus platzt mittlerweile aus allen Nähten. An Feiertagen finden nicht mal mehr alle einen Platz», beschreibt Smolina die derzeitige Situation. Das Grundstück, auf dem sich das Haus der Jüdischen Gemeinde befindet, ist nach einer Spendenaktion 1907 gekauft worden. 1915 wurde die Inbetriebnahme der Synagoge gefeiert. 1929 kam es zur Enteignung und ist bis 1996 als Lehrerbildungsinstitut genutzt worden. 1997 konnte durch die Gründung des «Gemeinnützigen Jüdischen Zentrums Chesed Mosche in Kasan» wieder an alte Traditionen angeknüpft werden. Die Restaurierung und der Umbau des maroden Gebäudes ließen sich nur mit Hilfe von Spenden realisieren, so die Leiterin. Neben den Gemeindeaktivitäten ist auch für die Bildung der Jüdischen Gemeinde an zwei Schulen gesorgt. Eine, die Yitzhak-Rabin-Schule, ist der Synagoge angeschlossen. Dort lehrt man gemäß chassidischer Tradition, da die meisten der Kasaner Juden aus Galizien, Weißrussland und der Ukraine stammen. Sie flohen von dort während des Zweiten Weltkrieges nach Tatarstan. Hier gab es Arbeit und vor allem Sicherheit. Die Schule bietet etwa 30 Kindern Unterrichtsmöglichkeiten. Akzeptiert werden nur Jungen und Mädchen, deren Mütter Jüdinnen sind. Daneben existiert eine elfklassige staatliche Schule mit so genannten Ethno-Komponenten wie sie in der Russländischen Förderation nicht unüblich sind. Ziel dieser Schulen ist es, die regional ethnischen Besonderheiten zu beachten. So wird im Unterricht jüdische Kultur und Brauchtum gelehrt. Jüdische Geschichte und Ivrit gehören ebenso zum Schulstoff. Insgesamt 450 Schüler besuchen die Lehranstalt. Das Gros besteht aus Kindern jüdischer Familien, aber auch Nichtjuden steht die Schule offen. Dennoch ist die Zahl derer, die dort lernen wollen, viel größer als Kapazitäten vorhanden sind. Vor allem tatarische Muslime sind bestrebt, ihre Kinder dort lernen zu lassen. Das spricht für das Niveau der Einrichtung. Seit einiger Zeit wird jedoch das Fortbestehen von Bildungseinrichtungen nach diesem Modell genau unter die Lupe genommen. Geplant ist, die Schulen mit Ethno-Komponenten aufzubrechen. Weniger auf religiöse und ethnische Besonderheiten einzugehen, ist das Ziel einiger Bildungspolitiker in Moskau. Das stört die Kinder, die sich nun für drei Wochen im Sommercamp befanden, erstmal gar nicht.
Ob diese Pläne jedoch der Bildung junger Leute gut tut, in einem Land, wo Verfolgungen von Muslimen, Kaukasiern und «Fremden» an der Tagesordnung sind, bleibt fraglich. In Tatarstan jedoch, wo selbst Moschee-Gemeinden wie die «Imam Hatip» für die Renovierung der Synagoge sammeln, wird es die Toleranz untereinander kaum beeinflussen. Muslimische Tataren, orthodoxe Russen, deutsche Lutheraner und Juden arbeiten nicht gegeneinander. Sie setzen auf Kommunikation, planen religionsübergreifende Camps und laden einander zu Feierlichkeiten ein
Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke, Kasan


