Fokus Ost


Muslime in Litauen: Zwischen Emigration und Erneuerung.
Januar 28, 2008, 9:05
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Während im westlichen Europa die muslimische Wohnbevölkerung ein noch recht junges Phänomen ist, siedeln Muslime in Ost- und Mittel-Europa seit Jahrhunderten, so etwa in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und Belarus. Auch in Litauen stellen Muslime seit über sechshundert Jahren einen einflussreichen Teil der Bevölkerung.

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Palastwachen und Grenzwächter

Großfürst Vytautas, legendärer Gründer des ersten litauischen Großreiches, das sich um 1420 bis weit in den Süden und Osten der heutigen Ukraine ausdehnte, holte um 1400 bereits rund 400 Familien turksprachiger Karaimen von der Krim nach Trakai, der alten Hauptsstadt Litauens. Dort bildeten sie die Burgwachen des Fürsten. Die Karaimen sind allerdings keine Muslime, sondern Anhänger einer Religion, die die Thora als Basis nimmt, der jüdischen Religion nahe steht, ohne jedoch den Talmud anzuerkennen. Die ersten Muslime als geschlossene Gruppe werden im alten Litauen um 1238/39 als Folge der ersten Kontakte zwischen litauischen Fürsten und der Goldenen Horde vermutet.[1] Weitere Zuzüge folgten im 14. bis 16. Jahrhundert. Gemäß ihrer eigenen Legenden sind die Litauer Tataren Nachfahren der Nogayer und Krimtataren, die 1397 als Gefangene massenhaft in der Gegend um Vilnius und in der Region Grodno (heute in Belarus) angesiedelt wurden. Tokhtamysh, der berühmte Khan der Goldenen Horde floh nach der Niederlage gegen Tamerlan / Timur Lenk mit tausenden seiner Krieger ein Jahr später in die gleiche Gegend. Tokhtamysh wurde so der Herr über die heutige Stadt Lida in Belarussland.

Bereits im 17. Jahrhundert waren die Nachkommen dieser turk-tatarischen Zuwanderer sprachlich an ihre slawophone Umgebung assimiliert. Da die Kindererziehung in den Händen der Frauen lag und die tatarischen Krieger mangels tatarischer Frauen einheimische Slawinnen und Baltinnen heirateten, ergab sich eine spezifische Litauisch-Tatarische Familiensituation. Gesprochen wurde belarussisch, die Religion war der Islam und die Nachnahmen wurden von den ortsansässigen Frauen übernommen. Die heutigen Nachfahren dieser Tataren sprechen allerdings litauisch. Dr. Adas Jakubauskas, Vorsitzender der Union der tatarischen Gemeinden Litauens, betont jedoch, dass für die Identität der Gemeinden ausschlaggebend die islamische Religion sei, egal welcher Sprache man mächtig sei. Weitere Momente der tatarischen Ethnizität seien die besondere kulturelle Entwicklung der Litauer Tataren, die sie mit den Tataren Polens und Weißrusslands teilen, nämlich sich in relativer Isoliertheit durch die Jahrhunderte hindurch entwickelt zu haben und ihre erstaunliche Resistenz gegenüber Christianisierungsdruck zwischen (griechisch-)katholischem und russisch-orthodoxem Christentum. Dies habe auch viel mit der traditionellen Toleranz zu tun, die – zumindest in Polen und Litauen – Andersgläubigen auch heute noch entgegengebracht wird. Da die Tataren mit an der Wiege des litauischen Staates standen, sind sie heute ein geachteter Teil der Gesellschaft: Vor einigen Wochen wurde eine erste Dauerausstellung über die Tataren Litauens im nationalen Symbol der Litauischen Geschichte eröffnet, in der Burganlage von Trakai, dem ersten Regierungssitz des Großfürsten Vytautas.

Die zweite Säule der muslimischen Community in Litauen bilden die Kazan-Tataren. Dies sind Tataren, die vor 70 Jahren, noch während oder kurz nach dem zweiten Weltkrieg als Industrie- und Hafenarbeiter nach Litauen kamen. Sie kamen aus dem Wolga-Ural-Gebiet, wo die heutigen Turkrepubliken Tatarstan und Baschkirien liegen Die stärkste Gemeinde hat sich in Litauen in der Hafenstadt Klaipeda an der Ostsee etabliert. Fliur Sharipov, Ingenieur und ehrenamtlich der Vorsitzende des tatarischen Gemeindeverbandes „NÛR“ [Licht] von Klaipeda, ist stolz auf das erreichte: Nachdem in der Nachwendezeit ein Einbruch in der kulturellen und religiösen Tätigkeit der Tataren von Klaipeda zu verzeichnen war, konnte 2006 schon der zweite Tag der tatarischen Kultur gefeiert werden, mit mehr als 500 Gästen.

Besonders stolz ist Sharipov auf seinen Sohn Timur und die Kriegsveteranin Rawilija Amiri. Timur und Rawilija waren als Delegierte beim Weltkongress der Tataren in Tatarstans Hauptstadt Kazan. Rawilija wurde als einzige Tatarin Litauens für ihre Verdienste im II. Weltkrieg geehrt, Timur war Leiter der litauischen Jugenddelegation zum Weltkongress. Von der Stadtverwaltung Klaipedas wird ihnen Raum zur Verfügung gestellt, den sie als Büro und Kulturzentrum nutzen. Vor allem die Frauen seien es, die aktiv für die Pflege des Glaubens und der Sprache engagiert sind.

 

Islamische Gemeinde im Umbruch

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion seien gut ein Drittel der Tataren Litauens emigriert. Auswanderungsziele waren vor allem Großbritannien, Irland und die USA, Auswanderungsgründe meißt ökonomischer Natur. Jakubauskas zeigt Verständnis für die Emigration, ist doch auch sein Großvater im Exil begraben: Er war jahrelang der Imam der tatarischen Moschee in New York. Jakubauskas ist aber auch besorgt um die Lage der Gemeinde, vor allem um die demographische Entwicklung. Waren es 1989 noch 5100 Muslime in Litauen, exklusive Migranten, so wurden vier Jahre später nur noch 3500 gezählt. Mittlerweile hat sich die Zahl der praktizierenden Muslime wieder zwischen fünf und sechs Tausend stabilisiert. Jedoch ist die Gefahr nicht gebannt, dass sich die jungen Menschen an die litauische Mehrheitsgesellschaft assimilieren, so Jakubauskas. Xenophobie und Rassismus seien in Litauen keine Themen, die für die Muslime relevant wären. Vor der Unabhängigkeit sei die Lage allerdings dramatisch gewesen, was aber nicht nur Muslime sondern alle religiösen Menschen betraf: islamische Gotteshäuser waren geschlossen, zahlreiche Friedhöfe wurden bis in die siebziger Jahre hinein zerstört[2].

Nach der Wende wurden zwei Jugendliche zu einer islamischen Hochschulausbildung ins Ausland geschickt, die exzellent ausgebildet wurden und auch zur Zeit werden zwei Studenten auf ein Auslandsstudium vorbereitet. Für diese Ausbildung zwei neue Studenten zu finden, war nicht leicht, da auch sehr gut ausgebildete islamische Geistliche keine Anstellung finden. Vom Staat werden islamische Institutionen nicht gefördert und bei der geringen Mitgliederzahl ist eine Finanzierung von vollen Stellen durch die Gemeinde noch zu kostspielig. Hohe Motivation, ein jahrelanges – und selbstfinanziertes – Studium in der Türkei oder einem arabischen Land zu beginnen, sei in dieser Situation und mit diesen Zukunftsaussichten eben nicht oft zu finden.

 

Konsolidierung mit Europa

Erste Schritte zur Verbesserung der Zukunftsaussichten und einen damit verbundenen Motivationsschub erhoffen sich intellektuelle Aktivistinnen von einer Umstrukturierung der islamischen Gemeinde in Litauen. Jakubauskas steht heute einer Union von tatarischen Vereinen vor, in der die stärksten Gemeinden aus Vilnius, Kaunas und weiteren Städten zusammen gefasst sind. Ein modernes Netzwerk wurde geschaffen und die Mitgliederzahl soll bis zum nächsten Jahr verdoppelt werden. Ab dem nächsten Jahr sollen dann staatliche Finanzmittel und EU-Fördermittel beantragt werden. Dabei hilft nicht zuletzt die Erfahrung von Adas Jakubauskas bei seiner Arbeit im litauischen Parlament, dem Sejmas.

Viel Kraft wird die Restaurierung und Instandhaltung der islamischen Friedhöfen und vier Moscheen kosten, so Adas Jakubauskas. Die schönste Moschee steht in Kaunas den Gläubigen zur Verfügung, aber auch an Orten mit traditionell muslimischer Bevölkerung gibt es noch typische Holzmoscheen. Diese befinden sich in den Dörfern Nemėžis, Keturiasdešimt Totorių (Vierzig Tataren) und Raižiai und bedürfen ebenfalls der Pflege. Im Jahre 1914 wurde für eine große Freitagsmoschee in Vilnius gesammelt, zum Bau kam es nach Ausbruch des I. Weltkrieges dann nicht mehr. Doch die Baupläne seien nun wieder entdeckt wurden und es sei geplant, den Bau der Hauptmoschee der Muslime Litauens nun in Angriff zu nehmen – nach den Plänen aus de, letzten Jahrhundert…

Die Zeitschrift „Lietuvos Totoriai“ (Litauer Tataren), die monatlich erscheint, erfüllt wie die oben erwähnte Union der tatarischen Vereine eine Netzwerkfunktion und soll die Stärkung der Identität der Gemeinschaft dienen. Da sich die Tataren Litauens vor allem über ihre Religion definieren, machen auch religiöse Themen den Hauptteil der Beiträge aus. Die Zeitschrift ist ein Gemeinschaftsprojekt aller tatarischen Gemeinden – der alteingesessenen Litauer Tataren sowie der in den letzten 70 Jahren zugewanderten Kazan-Tataren, die vor allem im Norden der Republik leben. Aber auch Muslime aus Estland, der Russländischen Föderation oder Deutschland finden in dieser Zeitung ein Forum. Muslimische Flüchtlinge und Migranten partizipieren ebenfalls an den Aktivitäten der Tataren, haben jedoch ihre eigenen Zusammenhänge, in denen sie sich bewegen.

Im nächsten Jahr soll ein Baltikum-weites tatarisches Fest veranstaltet werden, auch Muslime aus Deutschland sowie Bulgarien und Rumänien werden eingeladen. Die EU-Erweiterung machts möglich…

Aus: izlogo.gif , Berlin, 21. September 2006.

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Im Internet:

Zeitschrift der Litauer Tataren: http://www.tbn.lt/lt/?id=8&item=43

Homepage Litauer Tataren: http://www.gaumina.lt/totoriai/english/

Homepage der Muslime Litauens: http://www.musulmonai.lt/


[1] Miškinienė, Galina: Seniausi Lietuvos Totorių Rankraščiai [Alte Handschriften Litauer Tataren], Vilnius, 2001.

[2] Die Friedhöfe z.B. von Ludwinowo, Kazakları, Merešlenie, Vilnius, Kaunas und Raižiai wurden zerstört. Allein Raižiai hatte 14 Friedhöfe. In „Keturiasdešimt Totorių“ (Vierzig Tataren) gibt es sechs Friedhöfe.



Ein Schritt vor und zwei zurück (Aus: ZENITH -Zeitschrift für den Orient, 2006)
Januar 28, 2008, 8:24
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von Mieste Hotopp-Riecke

Der kurdische Sänger und Aktivist Ferhat Tunç zwischen Soldaten der türkischen Armee
Foto: Ferhat Tunç / DIHA

Die Demokratisierung in der Türkei befindet sich am Scheideweg

Die Zustimmung der Türken zur Regierung Ministerpräsident Erdogans sinkt kontinuierlich, die ökonomische Dauerkrise hält an, während das Thema des EU-Beitritts aus den Medien verschwindet. Zugleich kehrt die „Kurdische Frage“ seit einigen Wochen massiv auf die Tagesordnung zurück. Europäische Politiker reagieren überrascht und ratlos. Was ist passiert?

Die innenpolitische Entwicklung in der Türkei gebe zu ernster Besorgnis Anlass, so Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen, Ende April nach einer Reise in den unruhigen Südosten der Türkei. In Europa wird nach Aufnahme der Beitrittsverhandlungen der Demokratisierungsprozess in der Türkei anscheinend mit der Angleichung der türkischen Gesetze an EU-Standards gleichgesetzt. Manch prominenter EU-Befürworter in der Türkei sieht dies weitaus differenzierter. In den letzten Monaten sinkt die Zustimmung zur AKP-Regierung Erdogan kontinuierlich, die ökonomische Dauerkrise hält an, während das Thema Türkei-EU-Beitritt aus den Medien verschwindet. Nun sind manche PolitikerInnen, wie die Grüne Roth, ob der seit einigen Wochen massiv in die Medien zurückkehrenden „Kurdischen Frage“ überrascht und ratlos. Was ist passiert?

Die Festnahme Abdullah Öçalans vor sieben Jahren, Waffenstillstand von Seiten der kurdischen Guerilla und der Abzug derselben vom türkischen Staatsgebiet entfachten einen regelrechten Enthusiasmus für eine demokratische Lösung des Kurdenproblems. Doch viele Chancen blieben ungenutzt, auch unter der AKP-Regierung blieb die alte Politik des Ignorierens und Bekämpfens Richtschnur des politischen und militärischen Handelns. Etliche Bombenanschläge – auch im Westen der Türkei – wurden von Politik und Medien in alter Manier kurdischen Untergrundkämpfern angelastet. Doch dann kam es in der Kleinstadt Semdinli im äußersten Südosten des Landes zu einem Bombenanschlag auf einen Buchladen, der einem ehemaligen PKK-Kämpfer gehört. Diesmal konnten die Täter gefasst werden: Offiziere des türkischen Geheimdienstes MIT (Millî Istihbarat Teskilati / Nationaler Nachrichtendienst). Dank des beherzten Handelns von Passanten und einer zusammen gelaufenen Menschenmenge konnten falsche Papiere, Waffen, das Auto der Attentäter und eine Todesliste beschlagnahmt werden. Dies offenbarte, wie Geheimdienste, Armee und Politiker in solch terroristische Provokationen verstrickt sind

Die Türkei kommt nicht zur Ruhe

Das war im November 2005, und seitdem kommt die Türkei nicht zur Ruhe. Im Gegenteil: Nach der Beerdigung von Kämpfern der HPG (Hêzên Parastina Gel / Volksverteidigungskräfte) in Diyarbakir Ende März 2006 kam es landesweit zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und kurdischen Demonstranten. Die HPG ist die Auffangorganisation der ARGK (Artesa Rizgarîya Gelê Kurdistan / Volksbefreiungsarmee Kurdistans), dem ehemaligen bewaffneten Arm der PKK (Partiya Karkerên Kurdistan / Arbeiterpartei Kurdistans). Zwölf Menschen wurden von Sicherheitskräften erschossen, darunter drei Kinder.

Der Bügermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir
Foto: KurdishMedia / DIHA

Osman Baydemir, Bürgermeister der Kurdenmetropole Diyarbakir ist besorgt: „Ich habe zwei Befürchtungen – zum einen die Gefahr einer intensivierten bewaffneten Auseinandersetzung … Ich befürchte, dass diese tiefer greifende Folgen haben wird, als der vorherige Krieg [in den 80er/90er Jahren, d.A.].“ Zum anderen befürchte er, dass es zu einer Distanzierung in den Beziehungen zwischen Türken und Kurden kommt: „Die Veränderung der Gefühlslage zwischen Menschen kann behoben werden, aber zwischen zwei Völkern ist dies schwer. Ich sehe diese Gefahr, wir dürfen dies auf keinen Fall zulassen“, warnt Baydemir.

Die Strategie, durch Beschwichtigungen, Ignorieren, Aussitzen oder Verleugnen die kurdische Frage aus dem Politikgeschäft der Türkei auszublenden, hat sich als Bumerang erwiesen. Hatte Recep Tayyip Erdogan noch vor seinem Amtsantritt erklärt, der Weg nach Europa führe über Diyarbakir, ist von einer initiativen Politik in Richtung sozioökonomischer Gesundung des kurdischen Südostens der Türkei nichts zu spüren. Auch Dr. Heinz Kramer, Wissenschaftler am Institut für Sicherheit und Politik in Berlin – dem wichtigsten „Thinktank“ der Bundesregierung – konstatiert, dass die „jüngsten Entwicklungen im türkischen Kurdengebiet … ein deutliches Indiz für das Versagen der AKP-Regierung von Ministerpräsident Erdogan in diesem Konflikt“ seien. „Das unbeugsame Festhalten des türkischen Staates am strikten Vergeltungsprinzip führt letztlich zur Perpetuierung des PKK-Heroismus, bringt zivile Kurdenpolitiker in ein unnötiges Rechtfertigungs- und Solidaritätsdilemma und verfestigt so die labile Lage in den Kurdenprovinzen.“ so Kramer.

Kurdische Künstler einen Schritt voraus?

Angesichts der fehlenden Anerkennung der kurdischen Identität und Kultur wurden kurdische Künstler und Wissenschaftler nun selbst aktiv. Vielen von ihnen bleibt der Zutritt zu großen Medienanstalten, Konzertarenen und Produktionsfirmen verwehrt, da kurdische Videoclips nicht gesendet werden und kurdische Künstler vor Konzerten ein Anmeldeprozedere durchstehen müssen. Nun gründeten kurdische Musiker, Sänger und Produzenten eine landesweite Organisation, die „Kurdische Künstlerinitiative“. Prominente GründerInnen sind Nilüfer Akbal, Rojin, Sivan Perwer, Metin Kahraman, Aynur Dogan und Ferhat Tunç.

Die Sängerin Rojin
Foto: www.rojinrojin.com

Die Sängerin Rojin sagte anlässlich der Gründung: „Wohnortnachweis, Führungszeugnis und weitere Dokumente – das sind Pflichten, die lediglich kurdischen Musikern auferlegt werden. Auf welcher gesetzlichen Grundlage diese Auflagen beruhen, ist unbekannt. Dieses Verfahren ist erniedrigend und Produkt einer Denkweise, die uns als potentielle Schuldige betrachtet. Bezweckt wird damit, Druck auf uns und die Konzertveranstalter auszuüben. Zum gleichen Zweck werden unsere Konzerte von der Polizei per Kamera aufgenommen.“

Des weiteren bemängeln die Künstler, dass ihre Alben gerade dann mit Verboten und Prozessen belegt werden, wenn sie sich besonders gut verkaufen. Anschließend würden die Prozesse meist mit Freispruch enden, die Verbote wieder aufgehoben. Eine widersinnige Ping-Pong-Politik, die zermürben solle. Als Rojin im türkischen Fernsehen ihre Lieder sang, bekam die Starmoderatorin Yildiz Tilbe, ebenfalls Kurdin, eine Verwarnung wegen Ausstrahlung kurdischer Musik – direkt vom Staatsministerium in Ankara. Immerhin löste dies eine breite Diskussion in den Medien aus, vor Jahren wären beide sicher verhaftet worden. Wenn Kramer in seinem Papier die Frage stellt, ob eine weitere Maßnahme der türkischen Regierung sein müsse, „dass Kurdisch als Lehrfach an staatlichen Schulen, Kurdologie als Lehr- und Forschungsgebiet an Universitäten und kurdischsprachige Rundfunk- und Fernsehsendungen unbegrenzt zugelassen werden müssten?“, ist die Antwort der kurdischen Künstler klar.

Der Anfang wirklicher Reformen steht noch aus

„Ja, und das kann nur der Anfang sein.“ So jedenfalls steht der Sänger Ferhat Tunç zu diesen Fragen, der teilweise in Deutschland aufwuchs und die Kurdenpolitik Deutschlands aktiv verfolgt. Tunç, Mitinitiator der „Kurdischen Künstler-Initiative“, wird seit Jahren von den türkischen Behörden schikaniert. Sei es, weil er in einer Kolumne für die Freilassung von Leyla Zana eintrat, der Ikone der kurdischen Demokratiebewegung, die zehn Jahre im Gefängnis saß, weil sie es 1991 gewagt hatte, als frischgewählte Parlamentarierin ihren Amtseid auch auf kurdisch zu sprechen, sei es der Erfolg seiner emotional-politischen Protestmusik oder weil er sich im türkischen Menschenrechtsverein IHD (Insan Haklari Dernegi) engagiert. Im Moment laufen in der Türkei mehrere Verfahren gegen ihn. Vorgeworfen werden ihm immer wieder Aufstachelung zum Völkerhass, Beleidigung der Armee, des Staates oder ähnliche Delikte, die auch nach dem Verabschieden von EU-Anpassungsgesetzespaketen aufgrund berüchtigter Gummiparagrafen geahndet werden. Gesetzestexte, die von EU-Experten für nicht haltbar erachtet wurden, entfernte man. Doch an ihre Stelle traten andere. Auch das gefürchtete Instrument „Antiterrorgesetz“ wurde gestrichen und soll nun wieder eingeführt werden.

Dabei geht es Tunç in seinen Liedern, die er auf türkisch und kurdisch singt, um Brüderlichkeit der Völker, um Liebe, Verständigung und Frieden. Genau das war auch sein Antrieb, sich im letzten Jahr für eine besondere Mission zur Verfügung zu stellen. Mit dem Filmemacher und Publizisten Umur Hozatli und dem IHD-Vorsitzenden von Diyarbakir übernahm er einen von der Guerilla gefangen genommenen Soldaten und übergab ihn den türkischen Sicherheitsbehörden, zur Erleichterung der Eltern und Verwandten des Soldaten. Anstatt diese zivile Initiative zu honorieren, folgten eine Festnahme und neue Prozesse.

von links: Ferhat Tunç, der befreite Soldat und der IHD-Vorsitzende von Diyarbakir, Demirtas
Foto: Ferhat Tunç / DIHA

Das so genannte kurdische Problem ist also auch ein Problem der türkischen Politikerkaste, Militärs und Kriegsgewinnler, die sich vom engstirnigen Nationalismus des Übervaters Atatürk nicht emanzipieren können oder wollen und so den Anschluss der Türkei an Europa versäumen könnten. Multikulturalismus, Regionalismus und multiple Staatsbürger-Identitäten als Chance nicht nur kultureller, sondern auch sozioökonomischer Entwicklung etwa nach Schweizer oder sorbisch-deutschem Muster schimmern noch in ungewisser Ferne.

Doch Künstler wie Rojin oder Ferhat Tunç werden sich nicht ins Exil treiben lassen, wie viele prominente Kurden vor ihnen. Sie werden nicht aufgeben, sich weiter für Menschenrechte, Demokratisierung und die Offenlegung von Missständen einzusetzen, so Ferhat Tunç zu den Perspektiven der Künstler. Er appellierte anlässlich der Verleihung des FreeMuse-Awards für die Freiheit des Wortes und der Kunst an alle Künstler und Intellektuellen in Europa: „Lassen Sie nicht nach, die Demokratisierung zu unterstützen, Freiheit der Kunst ist Ausdruck von echter Demokratie!“

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Weiterführende Informationen:

Homepage von Ferhat Tunç: www.ferhattunc.net

Aktuelles Album von Rojin: „Ya hep ya hiç“ („Alles oder nichts“) www.rojinrojin.com

Die SWP-Studie „Unruhen im türkischen Kurdengebiet“ von Heinz Kramer ist unter folgender Internetadresse zu finden: www.swp-berlin.org/de/common/get_document.php?id=1655



Von der Wolga an die Spree
Januar 28, 2008, 5:28
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Tataren in Deutschland. Kulturelle Selbstbehauptung zwischen russischen und türkischen Migrantenverbänden

Beim Wort »Tataren« denken wohl die meisten Deutschen zuerst an brandschatzende Reiter auf kleinen, zähen Steppenpferden, Dschingis Khans Sturmtruppen und die »Goldene Horde«. Dabei leben viele unter uns, die entweder zu türkischen oder russischen Einwanderern gezählt werden. Ihre Bemühungen, ihre Identität aufrechtzuerhalten, sind groß. Schätzungen zufolge sind 200 000 der Muslime in Deutschland tatarischer Herkunft – die meisten von ihnen krimtatarischer Abstammung. Sie organisieren sich in türkischen Verbänden. Ilkin Özisik etwa, der Vorsitzende der Türkischen Sozialdemokraten Berlins, aber auch Abdurahman Günes, der ehemalige Vorsitzende des »Türk Ülkücü Ocak« Berlin, besser bekannt als »Graue Wölfe«, gehören dazu. Diese Tataren flohen von der Krim seit dem 18. Jahrhundert in mehreren Migrationswellen in das Osmanische Reich respektive die spätere Republik Türkei und wanderten dann ab den 1960er Jahren, wie kurdische oder lasische »Gastarbeiter« auch, in die BRD ein.
Liberaler Islam
Ein kleinerer Teil von tatarischstämmigen Migranten ist wolgatatarischer Herkunft. Das Gros von ihnen kommt aus der Republik Tatarstan in der Russländischen Föderation. Diese Gemeinschaft ist von den Türken durch eine sprachliche Barriere getrennt. Während das Krimtatarische innerhalb der Turksprachen dem Türkei-Türkischen recht nahesteht, sprechen die Tataren im Wolga-Ural-Gebiet eine Sprache, die von Türken nicht auf Anhieb verstanden wird. Außerdem benutzen sie das kyrillische Alphabet. Diese Tataren versuchen, eigene Wege zu gehen: zwischen den starken Organisationen der Russen und Ukrainer auf der einen Seite sowie deutscher Mehrheitsgesellschaft und türkischen Verbänden auf der anderen. Stärkster Antrieb der tatarischen Gemeinde in Deutschland heute sind die Frauen. Sie organisieren Sprachkurse, Integrationsarbeit an der Basis und kümmern sich um das religiöse Leben der Gemeinden. Neben größeren Gemeinschaften in Frankfurt, München oder Thüringen gibt es zwei sehr aktive Vereine in Berlin. Oft arbeiten auch die russischen, jüdischen oder deutschen Ehemänner in den Vereinen mit. Ein großes Augenmerk richten die Aktivistinnen auf die Aufrechterhaltung ihrer Identität als Tatarinnen und Musliminnen und damit Angehörige der ältesten autochthonen islamischen Bevölkerung Europas. Besonders stolz sind sie auf ihre islamische Tradition, die dem Reformer Ismail Gasprinsky verpflichtet ist. Im liberalen Islam der Tataren sind Frau und Mann gleichberechtigt, eine »Kopftuchdebatte« gibt es nicht. Kontakte zur alten Heimat hält der Dachverband der Tataren, »Tatarlar Deutschland«, vor allem übers Internet aufrecht. So waren im vergangenen Jahr bei der Verabschiedung eines Appells gegen Rassismus und Neofaschismus in der Russländischen Föderation auch junge Tatarinnen aus Deutschland dabei, berichtet die zweite Vorsitzende des interkulturell und integrativ arbeitenden Verbandes, Venera Vagizova-Gerassimov. Sie leitet außerdem einen der Berliner Vereine und gibt die deutsch-tatarische Internet-Zeitschrift „Altabash“ heraus.

Neben der Integrationsarbeit in Deutschland kümmern sich NGOs und tatarische Vereine seit einigen Jahren verstärkt um kulturellen und wissenschaftlichen Austausch auch mit Tatarstan. Waren es bis vor einigen Jahren vor allem der Deutsch-Russische Austausch e. V. (www.austausch.org) oder die Robert-Bosch-Stiftung mit ihrem Lektorenprogramm, steht Tatarstan nun immer öfter auch im Fokus der Wirtschaft. Die Republik an Wolga und Kama mit ihren Erdöl- und -gasvorkommen, Raffinerien und Flugzeugfabriken ist eine der reichsten der Russländischen Föderation und kann eine eigenständige Wirtschaftspolitik entwickeln. Partnerstadt der Tatarenmetropole Kasan und zugleich Deutschlands »Stadt der Wissenschaft 2007« ist Braunschweig. Vielfältige wissenschaftliche Kooperationen zu Xenophobie, Migration und Islam wurden hier angestoßen. So arbeitet die Projektgruppe »Rasnoobrasie« (Vielfalt) zu Phänomenen wie Identität, Geschichte und Islam in Europa. Sie ist eine wissenschaftliche Initiative, in der tatarische, russische und deutsche Studierende und Wissenschaftler unter dem Titel »Leben mit der Vielfalt« gemeinsam forschen.
Ermordet in Plötzensee
Eingang in die Untersuchungen findet auch der wohl prominenteste Tatare, der Schriftsteller Musa Dschalil. Als ehemaliger Vorsitzender des tatarischen Schriftstellerverbandes war er einer von tausenden Tataren der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Dschalil sollte in einer der von den Nazis aufgestellten »Ostlegionen« auf seiten der Wehrmacht kämpfen. Der Schriftsteller arbeitete jedoch gegen seine neuen Befehlshaber und formierte eine geheime Widerstandsgruppe, mit der er die Redaktion der Truppenzeitschrift infiltrierte, die das deutsche Kommando herausgab. Dschalil und seine Leute druckten antifaschistische Flugblätter, die sie unter den Legionären in Umlauf brachten. Als das erste Bataillon der wolgatatarischen Legion an die Front geschickt wurde, erschossen die Soldaten ihre deutschen Offiziere und liefen zu den belorussischen Partisanen über. Im August 1943 wurde die Gruppe enttarnt, Dschalil von der Gestapo gefoltert und ins Gefängnis Berlin-Moabit gebracht. Im Februar 1944 wurden Dschalil und seine Genossen in Plötzensee hingerichtet. Am 23. April 1945 fand ein Soldat des Richtung Reichstag vorrückenden 79. Infateriekorps der Roten Armee an der Ecke Rathenower/Turmstraße Dschalils Gefängnisaufzeichnungen, die 1953 in Kasan als »Moabiter Hefte« veröffentlicht wurden. Kurz darauf erschien die russische, von Konstantin Simonow herausgegebene Fassung in der Moskauer Literaturnaja Gaseta. Noch 1946/47 war Dschalil vom sowjetischen Staatssicherheitsministerium MGB als Vaterlandsverräter und Nazikollaborateur auf die Fahndungsliste gesetzt worden.Tatarische Schriftstellerkollegen und Geheimdienstagenten brachten die Wahrheit über seine Widerstandstätigkeit und seinen Tod ans Licht. 1956 wurde ihm posthum der Titel »Held der Sowjetunion« verliehen, 1957 der Lenin-Preis für Literatur. Zu Ehren Dschalils treffen sich alljährlich sowohl Vertreter der tatarischen Vereine Berlins als auch Abgesandte der russischen Botschaft und Schulklassen der russischen Schule Berlins in Plötzensee, wo seine Hinrichtung stattfand. Das Gedenken an ihn ist fester Bestandteil des tatarischen Lebens in Berlin und Deutschland geworden. Daneben organisiert Vagizova mit dem Berliner Verein Tamga e. V. auch Theaterveranstaltungen, Konzerte und Lesungen. „Oftmals ist dies nur mit erheblichem finanziellen Aufwand zu realisieren, und die Wünsche, die wir in bezug auf unsere Arbeit noch haben, sind groß“ so die Vizechefin von »Tatarlar Deutschland«. Eigene Vereinsräume stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste. »Doch wir sind zäh und finden einen Weg.«

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Venera Vagizova-Gerassimov und Ahmet Babikov, Imam aus Moskau, am »Tatarenstein« auf dem Soldatenfriedhof ­Wünsdorf bei Berlin

(Aus: migration, Beilage der Tageszeitung „Junge Welt“ vom 21.11.2007)



„Wohin wer geht, weiß nur der Gehende…“
Januar 28, 2008, 8:43
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Jüdisches Leben in Kasan, der Hauptstadt der Tataren

Lautes Hupen ertönt und aufgeregt rennen die Kinder, deren Sommerferien gerade geendet haben, zum Tor ihres Schulgeländes. Die Eltern und ältere Geschwister warten bereits eine Weile auf die Busse, die Trauben von Schülern ins Freie entlassen sollen. Die Kinder kommen vom Feriencamp zurück in die tatarische Hauptsstadt Kasan. Das Ferienlager befindet sich inmitten eines Waldes. Im Einklang mit der Natur sollen die Kinder die traditionellen jüdischen Bräuche erfahren, erzählt Anna Smolina, die Leiterin des Jüdischen Hauses in Kasan. Die Schüler fiebern der jährlich stattfindenden Ferienzeit schon Wochen vor Beginn entgegen. Für das Leben in der jüdischen Gemeinde im multiethnischen Kasan, der Stadt, die Iwan der Schreckliche von den Tataren eroberte, ist es ebenfalls ein wichtiges Ereignis im Jahresveranstaltungskalender. Schweißt es doch die jungen Leute zusammen und verschafft allen Mitreisenden positive Erlebnisse, berichtet Smolina noch schnell bevor sie in ihr Büro zurückeilt, das im Jüdischen Haus, an der behäbig pulsierenden Straße der Gewerkschaften zu finden ist. Das unscheinbare Gebäude im hellen Türkis mit riesigen Holztoren steht dort bereits seit 1907 und hat seit damals eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Heute ist es wieder das Herzstück jüdischer Kultur in der Tatarenhauptstadt. Jene Hauptstadt der Republik Tatarstan – am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga gelegen – ist der vielleicht toleranteste Ort innerhalb der Russländischen Förderation. Lenin und Tolstoi studierten hier, die Ikone der Mutter Gottes aus Kasan kennt jeder Russe, doch außerhalb der Föderation ist die weltoffene Stadt immer noch ein Geheimtipp unter Managern und Investoren. Ideale Bedingungen bietet die Stadt nicht nur Kapitalanlegern und den Studenten der drei Universitäten, die aus demgesamten Staatsgebiet nach Tatarstan zum Studium kommen. Auch Juden aus dem In- und Ausland zieht es nach Kasan. Grund ist das friedliche Miteinander verschiedenster Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung hier sind die Nachkommen von Wolga-Bulgaren und Dschingis Khans Goldener Horde: Die Tataren. Aber auch Russen, Deutsche, Udmurten, Tschuwaschen und eben Juden leben in der 1.000 Jahre alten Stadt. Dieses tolerante Klima führte in den vergangenen Jahren auch zu einem imposanten Wirtschaftswachstum, dessen Ende noch nicht in Sicht ist. Ein frischer Wind von Aufschwung beflügelt die Investitionsbereitschaft zahlreicher Unternehmer und führte nicht zuletzt dazu, dass das jüdische Leben der Stadt zunimmt.

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Ein altes jüdisches Sprichwort besagt: «Wohin wer geht, weiß nur der Gehende». Auch aus Tatarstan sind viele nach dem Zerfall der Sowjetunion gegangen. Amerika, Großbritannien und Israel waren hauptsächlich die Ziele der Menschen, die ihr Glück anderswo suchten. Ist in anderen Teilen des ehemaligen Zarenreiches immer noch ein Ausbluten jüdischer Gemeinden zu verzeichnen, freuen sich die Kasaner Juden über Zuwachs. Eine unerwartete Wende: Es gibt jedes Jahr mehr Rückkehrer aus Israel und USA. Mittlerweile leben wieder 11.000 Juden in Tatarstan, die Mehrzahl von ihnen in Kasan. «Wir sind eine Gemeinde, die seit einigen Jahren stetig wächst», freut sich Smolina. Das Gemeindezentrum im Herzen Kasans ist bemüht, allen in Tatarstan lebenden Juden Anlaufpunkt für religiöses und gesellschaftliches Leben zu sein. So gibt es im Haus neben Synagoge und Gebetsraum auch das Gemeindezentrum mit Sozialstation, Arztpraxis und Apotheke, Senioren – sowie Jugendtreff. Vom Gemeindehaus aus wird eine mobile Krankenpflege betrieben, ein Putzdienst organisiert und Essen auf Rädern an Bedürftige geliefert. Das alles läuft unter der Federführung von Anna Smolina, die selten zur Ruhe kommt und einen Zwölf-Stunden-Tag für selbstverständlich hält. Außer Atem kommt sie deshalb nicht und auch die Ideen gehen der engagierten Frau nicht aus, wie das Gemeindeleben noch attraktiver für alle gestaltet werden könnte. Denn neben all den Plänen, die verwirklicht werden wollen und organisatorischen Aufgaben, die erledigt werden müssen, darf der Kontakt zu den Menschen nicht abbrechen, so Smolina «Sich die Sorgen und Nöte der Menschen anzuhören, dafür muss immer Zeit bleiben.» Denn trotz des Aufschwung und zahlreicher positiver Tendenzen gibt es auch immer noch sehr viele Bedürftige, die nicht ausgeschlossen und vergessen werden dürfen. Der Boom geht wie anderswo erst einmal an den einfachen Leuten vorbei. So sorgt eine Suppenküche für wenigstens eine warme Malzeit am Tag für die, die nichts haben. Der Jugendklub des Gemeindezentrums ist ein Treff- und Angelpunkt für 450 Schüler und Jugendliche. Tanz- und Theatergruppen, Nachhilfe, Chor- und Musikensembles halten ein buntes Spektrum für verschiedenste Interessen bereit. Die Bibliothek hat nicht nur für die Gemeindemitglieder viel Lesestoff, sondern ist ebenso bei Studenten und Wissenschaftlern begehrt. Populär sind Sprachkurse in Hebräisch und Ivrit, die das Gemeindezentrum bietet. Gesprochen wird im Jüdischen Haus neben Ivrit und Russisch auch noch Jiddisch, mit dem sich vor allem die Alten verständigen, wenn sie im Seniorentreff «Altin Yash» zusammenkomme. Altin Yash ist tatarisch und bedeutet «Goldene Jahre». «Unser Haus platzt mittlerweile aus allen Nähten. An Feiertagen finden nicht mal mehr alle einen Platz», beschreibt Smolina die derzeitige Situation. Das Grundstück, auf dem sich das Haus der Jüdischen Gemeinde befindet, ist nach einer Spendenaktion 1907 gekauft worden. 1915 wurde die Inbetriebnahme der Synagoge gefeiert. 1929 kam es zur Enteignung und ist bis 1996 als Lehrerbildungsinstitut genutzt worden. 1997 konnte durch die Gründung des «Gemeinnützigen Jüdischen Zentrums Chesed Mosche in Kasan» wieder an alte Traditionen angeknüpft werden. Die Restaurierung und der Umbau des maroden Gebäudes ließen sich nur mit Hilfe von Spenden realisieren, so die Leiterin. Neben den Gemeindeaktivitäten ist auch für die Bildung der Jüdischen Gemeinde an zwei Schulen gesorgt. Eine, die Yitzhak-Rabin-Schule, ist der Synagoge angeschlossen. Dort lehrt man gemäß chassidischer Tradition, da die meisten der Kasaner Juden aus Galizien, Weißrussland und der Ukraine stammen. Sie flohen von dort während des Zweiten Weltkrieges nach Tatarstan. Hier gab es Arbeit und vor allem Sicherheit. Die Schule bietet etwa 30 Kindern Unterrichtsmöglichkeiten. Akzeptiert werden nur Jungen und Mädchen, deren Mütter Jüdinnen sind. Daneben existiert eine elfklassige staatliche Schule mit so genannten Ethno-Komponenten wie sie in der Russländischen Förderation nicht unüblich sind. Ziel dieser Schulen ist es, die regional ethnischen Besonderheiten zu beachten. So wird im Unterricht jüdische Kultur und Brauchtum gelehrt. Jüdische Geschichte und Ivrit gehören ebenso zum Schulstoff. Insgesamt 450 Schüler besuchen die Lehranstalt. Das Gros besteht aus Kindern jüdischer Familien, aber auch Nichtjuden steht die Schule offen. Dennoch ist die Zahl derer, die dort lernen wollen, viel größer als Kapazitäten vorhanden sind. Vor allem tatarische Muslime sind bestrebt, ihre Kinder dort lernen zu lassen. Das spricht für das Niveau der Einrichtung. Seit einiger Zeit wird jedoch das Fortbestehen von Bildungseinrichtungen nach diesem Modell genau unter die Lupe genommen. Geplant ist, die Schulen mit Ethno-Komponenten aufzubrechen. Weniger auf religiöse und ethnische Besonderheiten einzugehen, ist das Ziel einiger Bildungspolitiker in Moskau. Das stört die Kinder, die sich nun für drei Wochen im Sommercamp befanden, erstmal gar nicht.
Ob diese Pläne jedoch der Bildung junger Leute gut tut, in einem Land, wo Verfolgungen von Muslimen, Kaukasiern und «Fremden» an der Tagesordnung sind, bleibt fraglich. In Tatarstan jedoch, wo selbst Moschee-Gemeinden wie die «Imam Hatip» für die Renovierung der Synagoge sammeln, wird es die Toleranz untereinander kaum beeinflussen. Muslimische Tataren, orthodoxe Russen, deutsche Lutheraner und Juden arbeiten nicht gegeneinander. Sie setzen auf Kommunikation, planen religionsübergreifende Camps und laden einander zu Feierlichkeiten ein

Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke, Kasan

header.gif, Berlin, Oktober 2007



Fokus Ost
Januar 28, 2008, 8:28
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Anja Hotopp, Journalistin, Fotografin

&  Mieste Hotopp-Riecke, M.A., Turkologe, Soziologe, Islamwissenschaftler