Fokus Ost


Friedrich Schrader – Wolmirstedter und Weltbürger mit Türkeikenntnis.
November 7, 2013, 8:39 pm
Filed under: Archiv 2007

Magdeburg / Berlin. „Was das türkische Volk braucht, und was seine wirklichen Freunde ihm wünschen, ist Bewegungsfreiheit für seine geistige, politische und materielle Entwicklung, die jetzt total unterbunden ist. Es ist dann alle Aussicht vorhanden, dass es zu seiner Zeit ein brauchbares Mitglied der europäischen Völkerfamilie werden wird.“ So beschrieb Friedrich Schrader 1900 in „Die Neue Zeit“ den politischen Zustand der Türkei. Seine Worte haben noch heute, mehr als 100 Jahre später, Gültigkeit. Denn auch die aktuelle politische Situation der Türkei im Hinblick auf die Verhandlungen zur Aufnahme in die Europäische Union – sei es als privilegierte Partnerin oder als Vollmitglied – sind umstritten. Diesen politischen Weitblick bewies Schrader bereits damals.

Friedrich Schrader erblickte am 19. November 1865 in Wolmirstedt das Licht der Welt. Am Domgymnasium in Magdeburg absolvierte er sein Abitur. Der Sozialdemokrat und Orientexperte beherrschte mehrere Sprachen, darunter türkisch, arabisch und russisch, arbeitete als Schriftsteller, Dozent, Übersetzer und Journalist mehr als zehn Jahre im heutigen Istanbul.

Viel Engagement legt Friedrich Schrader in die deutsch-türkischen Beziehungen. Dabei war ihm jedoch nicht nur die Popularisierung deutscher Kultur im Orient wichtig, sondern auch, die neue türkische Kunst nach Deutschland zu transportieren. So erschienen damals in deutschen Blättern wie der „Frankfurter Zeitung“, im „Vorwärts“ und in „Die Neue Zeit“ sowohl regimekritische Artikel als auch Rezensionen und Berichte über die aktuelle Schriftstellerszene der Türkei. Seine politischen Texte, deren Kritik die osmanische und die deutsche Politik betrafen, schrieb er bis 1908 unter dem Pseudonym „Ischtiraki“ – übersetzt der Sozialist.

Sein Ziel war es, durch den euromediterranen Geist der Weimarer Klassik einen Grundstein für einen kulturellen Dialog zwischen Deutschland und dem Orient zu legen. Denn besonders Goethe berief sich ja nicht nur auf die Antike, sondern speziell in seinem Werk „West-östlicher Divan“ auf die islamische Tradition. An Schillers 150. Geburtstag inszenierte Friedrich Schrader mit einem türkisch-armenischen Theaterensemble eine Gedenkfeier, die an das Leben und Wirken des Schriftstellers erinnern sollte. Diese Bemühungen brachten ihm sowohl in der heutigen Türkei wie auch in Deutschland Ansehen. So berichtete der Schriftsteller Otto Flake in verschiedenen Essays über Begegnungen mit dem Wolmirstedter am Goldenen Horn.

Positiv bewertete Schrader damals die jungtürkische Bewegung. Diese versuchte er im humanistischen Geist von Goethe und Schiller zu beeinflussen. Heftig kritisierte er die beginnenden Verfolgungen von Nichtmuslimen, vor allem Christen, die bis 1917 im Genozid an den Armeniern gipfelten.

Resigniert über den Rassismus der Jungtürken legte er seine journalistischen Tätigkeiten erst einmal auf Eis und widmete sich als Mitglied der Städtischen Kommission Konstantinopels der Erfassung und Katalogisierung islamischer und byzantinischer Baudenkmäler. Mit einem Team türkischer Experten erfasste Schrader bedrohte Bauwerke der Stadt. Trotz der politischen Entwicklung in Schraders Wahlheimat, dem kranken Mann am Bosporus, pflegte er weiterhin zu nicht-türkischen Intellektuellen freundschaftliche Kontakte.

Dies schärfte auch den Blick für die engstirniger werdende politische Entwicklung unter den jungtürkischen Reformkräften. In seinem Buch „Eine Flüchtlingsreise durch die Ukraine – Tagebuchblätter meiner Flucht aus Konstantinopel“, zu der er sich 1918 auf Grund drohender Internierung durch die Entente-M ächte gezwungen sah, schreibt er über „das Unerhörte, was im Orient geschehen war, die fast völlige Vernichtung der armenischen Bevölkerung Kleinasiens.“

1919 ist Schrader wieder in Deutschland. Bis zu seinem Tode im August 1922 lebt und arbeitet er in Berlin und schrieb unter anderem für die „Deutsche Allgemeine Zeitung“. Dort traf er auch auf den in Salzwedel geborenen Friedrich Meinecke, den späteren Gründungsrektor der Freien Universität Berlin.

Seiner Heimat blieb Schrader bis zuletzt treu. Immer wieder schrieb er Leitartikel für die „Magdeburgische Zeitung“, die älteste deutschsprachige Zeitung. Die Vorgängerin der Volksstimme erschien von 1664 bis 1945 ununterbrochen in Magdeburg. Die politische Großwetterlage vor und während des ersten Weltkrieges blieb auch in Deutschland Schwerpunkt seiner Berichterstattung.

Nimmt man nun die Ereignisse in der Türkei der letzten Jahre in den Blick, den Krieg gegen die Kurden im eigenen Land, die Unterdrückung der Alewiten, den Mord am armenischen Redakteur Hrant Dink, ist die Warnung von Schrader nach wie vor aktuell, die er angesichts des nationalistischen Gebarens der jungtürkischen Bewegung und der sie unterstützenden deutschen Militärs niederschrieb : „Wir dürfen auch im Ausland nicht, wie wir bisher getan haben, stets zu der Partei halten, die es auf Vergewaltigung wichtiger Kulturelemente zugunsten der eigenen nationalen Vorherrschaft abgesehen hat. Das wird sich stets rächen, wie es sich in der Türkei gerächt hat. Wir hätten nicht türkischer sein dürfen als der Türke.“
Nachfahren von Friedrich Schrader leben heute nicht mehr in Wolmirstedt. Sein Urenkel lebt in Heidelberg, sein Enkel in Bamberg. Sie wissen nicht mehr viel über ihren Weltenbürger-Opa. Denn Kriegswirren, Flucht und nicht zuletzt seine etwas nebulösen Todesumstände hatten zur Folge, dass es kaum Hinterlassenschaften des Universalgelehrten gibt. Der Urenkel Dr. Jochen Schrader vermutet, dass sich vielleicht noch Material in alten osmanischen Archiven in Istanbul finden ließe, aber wer spricht schon osmanisch – es sei denn, es fände sich ein Turkologe, der sich auf Spurensuche begäbe.

Erschienen am 31. August 2007 in „Volksstimme“  (Regionalausgabe Wolmirstedt, inzwischen offline); online unter URL: http://www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/lokales/wolmirstedt/?em_cnt=414362& [22.7.2008].

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